Minsk – Nach neuer massiver Polizeigewalt in Belarus (Weißrussland) mit einem Toten hat die Präsidentenkandidatin Swetlana Tichanowskaja sich im EU-Nachbarland Litauen in Sicherheit gebracht. „Ich will kein Blut und keine Gewalt“, sagte die 37-Jährige in einem gestern veröffentlichten Video. Auf einer Couch sitzend liest sie die Botschaft ab und blickt kein einziges Mal in die Kamera. Ihr Wahlkampfstab teilte mit, dass das Video unter Druck der Behörden entstanden sei. Die größten Proteste in der Geschichte des Landes gegen die beispiellose Wahlfälschung unter dem seit 26 Jahren regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko gingen weiter. 200 Verletzte lagen gestern im Krankenhaus, wie Ärzte mitteilten. Das Innenministerium sprach von 2000 Festnahmen.
„Der Stab hat die Unterstützer und den Machtapparat zum Verzicht auf Gewalt aufgerufen“, sagte Olga Kowalkowa vom Team Tichanowskajas. Der Kampf gegen „Europas letzten Diktator“ gehe aber dennoch weiter. Offenbar sei Tichanowskaja über Stunden in der Wahlleitung dem Druck ranghoher Beamter ausgesetzt gewesen und zu der Mitteilung an ihre Unterstützer, keinen Widerstand mehr zu leisten, gezwungen worden. Tichanowskaja gelte weiter als Siegerin der Präsidentenwahl vom Sonntag, sagte Kowalkowa.
Beschäftigte in mehreren Staatsbetrieben, darunter in einer Metallfabrik, folgten Aufrufen der Opposition, die Arbeit niederzulegen. Der Streik in den Betrieben, die zum Funktionieren der Ex-Sowjetrepublik beitragen, soll den Machtapparat von Lukaschenko brechen.
Zuvor hatte es in der zweiten Protestnacht erneut viele Verletzte gegeben. Auf vielen Videos war zu sehen, wie Männer in schwarzen Uniformen mit Knüppeln wahllos auf friedliche Bürger einprügelten. Die Polizei setzte erneut Gummigeschosse, Wasserwerfer und Blendgranaten gegen Demonstranten ein. Die Verletzten zeigten auf Bildern und Videos ihre blutüberströmten Gesichter.
Das Land zwischen EU-Mitglied Polen und Russland hat noch nie solche Ausschreitungen erlebt. Die von Tichanowskajas Mann Sergej vor seiner Inhaftierung gegründete Bewegung „Ein Land zum Leben“ schrieb nach siebenstündigen Kundgebungen: „Das war ein historischer Abend“. Die Tage Lukaschenkos seien gezählt, weil er Krieg gegen sein Volk führe. Die Lage war nach Protesten in 30 Städten des Landes insgesamt unübersichtlich. Lukaschenko hatte auch mit dem Einsatz der Armee gedroht, um sich seine Macht zu sichern. In sozialen Netzwerken kursierten aber auch Fotos von Uniformierten, die sich demonstrativ auf die Seite der Demonstranten stellten. Sie wurden als „Helden“ gefeiert.
Kommentatoren sprachen zuletzt von der „Geburt der Nation Belarus“, die sich rund 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erst jetzt so richtig eine Identität gebe – und sich abnabeln wolle vom großen Nachbarn Russland. Wirtschaftlich ist das Land von Russland abhängig. Kremlchef Wladimir Putin hatte Lukaschenko zu seinem mit 80,08 Prozent angegebenen Wahlsieg gratuliert.
Die demokratischen Kräfte in Belarus hoffen auf Unterstützung auch von der Europäischen Union. Die EU drohte gestern der Führung in Minsk mit Sanktionen. Die Wahl sei „weder frei noch fair“ gewesen, hieß es in einer Erklärung der 27 EU-Mitgliedstaaten.
Tichanowskaja wolle unterdessen vom sicheren Ausland aus weiter aktiv sein und ihren Sieg mit demokratischen Mitteln verteidigen, sagte ihre Vertraute Kowalkowa. Ihre Flucht war wohl nicht freiwillig. Die belarussischen Behörden selbst hätten die Kandidatin außer Landes gebracht, hieß es. „Sie hatte keine Wahl. Wichtig ist, dass sie in Freiheit und am Leben ist.“