„Das Ausmaß der Zerstörung ist gewaltig“

von Redaktion

Ein Logistiker aus Oberbayern hilft beim Katastrophen-Einsatz in Beirut – Mehrere Kliniken komplett verwüstet

München – Stabsoffizier a.D. Reiner Haunreiter aus Egmating (Kreis Ebersberg) war als Logistiker mit der Bundeswehr schon in Afghanistan und im Irak. Jetzt unterstützt der 62-Jährige mit seiner Erfahrung die Hilfsorganisation Malteser International in Beirut dabei, nach der Explosion vor allem medizinische Hilfe zu koordinieren.

Herr Haunreiter, Sie sind am Samstagmorgen im Libanon gelandet. Wie war ihr erster Eindruck, als Sie nach Beirut kamen?

Ich war beruflich schon in mehreren Krisengebieten, aber etwas wie hier habe ich so noch nicht gesehen. Das geht mir nahe. Das Ausmaß der Zerstörung ist gewaltig. Für die Menschen vor Ort ist das fürchterlich. Die Druckwelle der Explosion hat ganze Wohnungen durchfegt und Möbel auf die Straße geworfen. Es gab zahlreiche Verletzte durch Splitter. In einem Krankenhaus, in dem ich war, wurden die massiven Türen eines Operationssaales herausgerissen, obwohl dieser sich mitten im Gebäude befindet.

Mit welchen Schwierigkeiten sehen sich die Menschen vor Ort jetzt akut konfrontiert?

Es fehlt an Unterkünften. 300 000 Menschen wurden auf einen Schlag obdachlos und viele wollen jetzt wieder in ihre Wohnungen zurück, auch wenn die Gebäude nicht sicher sind. Wir überlegen, an die bedürftigen Menschen Lebensmittel und Trinkwasser zu verteilen, denn viele Menschen verharren auch noch in ihren zerstörten Wohnungen und trauen sich nicht raus, weil die Türen und Fensterscheiben zerstört sind. Wir haben auch einen Experten für Wasser in unserem Team.

Wie ist es um die medizinische Versorgung bestellt?

Da die Krankenversorgung sehr angespannt ist, versuchen wir, weitere Medikamente ordern zu können. Drei Krankenhäuser wurden völlig zerstört. Das bedeutet, dass auch viele chronisch Kranke keine medizinische Versorgung haben. Deshalb stehen unsere mobilen Kliniken in Beirut bereit und versorgen die Menschen. All das spielt sich vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise ab. Und auch hier geht die Pandemie weiter.

Wie reagieren die Menschen auf die Lage?

Sie gehen tapfer mit den Herausforderungen um. Einheimische Ingenieure gehen, ähnlich wie das Technische Hilfswerk, durch die betroffenen Viertel und schauen sich an, welche Gebäude noch standsicher sind. Viele freiwillige Helfer, darunter die etwa 200 libanesischen Malteser, beseitigen Trümmer aus den Gebäuden.

Am Wochenende hat sich die Wut auf die Regierung teils auf den Straßen entladen. Wie ist die Stimmung derzeit?

Wir konnten am Wochenende nicht in bestimmte Bereiche der Stadt. Ansonsten sind wir in unserer Arbeit derzeit nicht beeinträchtigt.

Sie können als Hilfsorganisation also arbeiten?

Ja. Es gibt etablierte Kommunikationswege über die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation, die zusammen weitgehend die Internationale Hilfe koordinieren. Besonders aber durch unsere Malteserkontakte konnten wir unsere Hilfe hier sehr schnell leisten. Das war toll zu sehen.

Wie konnte Ihre Organisation in den ersten Tagen schon helfen?

Die Malteser betreiben mehrere Klinikbusse, unter anderem in Camps für syrische Flüchtlinge im Norden des Landes. Zwei der drei Busse wurden jetzt in Beirut zusammengezogen. Der Andrang ist groß, die Schlangen lang. Gemeinsam mit den libanesischen Maltesern haben wir an zwei Tagen mehr als 1.000 Patienten versorgt. Auch hier warten die Menschen diszipliniert und geduldig. Wir von Malteser International sind gerade noch dabei, die Lage genauer zu erkunden und zu sehen, über welche Wege man etwa Medikamente ins Land bringen und kühl lagern kann. Der Flughafen kann pandemiebedingt nur einen Teil des üblichen Luftverkehrs umsetzen und der Hafen ist nicht operabel.

Wie geht es für Sie und Ihr Team nun weiter?

In ein paar Tagen kommt ein Anschluss-Team, das für uns übernimmt. Unser Nothilfeteam kehrt dann nach Deutschland zurück. Wir werden vor allem unsere Hilfe in den kommenden Tagen weiter ausbauen. Unabhängig von unserem Nothilfeeinsatz werden unsere Kollegen von Malteser International und der libanesischen Malteser unsere Arbeit hier fortführen.

Interview: Stefan Reich

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