Düsseldorf/Münster – Maskenpflicht im Unterricht bei brütender Hitze: In Nordrhein-Westfalen startete gestern mit dem Schulbeginn nach den Sommerferien ein ungewöhnliches Projekt. Ganz Deutschland schaut hin, ob und wie der Sonderweg der von Armin Laschet (CDU) geführten Regierung im bevölkerungsreichsten Bundesland funktioniert. Landesweite Maskenpflicht im Unterricht gibt es nur hier. Ausgenommen bleiben lediglich Grund- und Förderschulen.
Unterricht mit Maske ist für Schüler und Lehrer an der Gesamtschule Münster-Mitte zum Schulanfang nichts Neues. Bereits vor den Ferien wurde dort nur so unterrichtet – mit halber Schülerzahl in einem wechselnden System. Gestern waren die Klassenräume voll besetzt.
Die Mädchen und Jungen sitzen nicht an Einzeltischen, sondern in Gruppen verteilt im Klassenraum. Lehrer Bernd Schwertheim muss immer wieder um Ruhe bitten, schlägt auf eine Klangschale. Der laute Ton soll die rund 30 Schüler der 8a ermahnen. „Jeder meint, wegen der Masken lauter reden zu müssen“, klagt Schwertheim.
Vor der Sommerpause verlief die Kommunikation einfacher: Schüler wegen der Abstandsregeln am Einzeltisch – Lehrer mit Abstand vorne. Jetzt soll die gerade für eine Gesamtschule typische Gruppenarbeit hochgefahren werden. Die Leistungsstärkeren helfen den Schwächeren. Wegen Corona war das ein halbes Jahr nicht möglich.
In kleinen Gruppen diskutieren die Schüler, wie ein Picknick am Freitag gestaltet werden könnte – mit deutlich höherem Lärmpegel als üblich. Nach fünf Minuten notiert Lehrerin Kristina Brauch die Vorschläge vorne an der Tafel – natürlich mit Mundschutz. Bei der großen Hitze kein Vergnügen. Nicht nur einigen Schülern steht der Schweiß auf der Stirn, die Haare sind bereits vor der Pause zerzaust.
Gegen die Rückkehr der rund 2,5 Millionen Schüler in den Regelbetrieb an 2500 Schulen in NRW hatten mehrere Lehrer- und Elternverbände ebenso wie die Landtagsopposition Bedenken geäußert, weil aus ihrer Sicht nicht ausreichend für den Infektionsschutz in großen Klassen Sorge getragen wird. Was, wenn sich nun massenhaft Schüler in NRW mit Corona anstecken, Schulen geschlossen werden müssen und die ohnehin seit Wochen anziehenden Infektionszahlen wieder starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens erforderlich machen?
Unter scharfer Beobachtung stehen nicht nur die Bedingungen für Schüler und Lehrer, sondern das gesamte, von Anfang an heftig umstrittene Corona-Krisenmanagement von Ministerpräsident Laschet. „Wir müssen gerade in diesen Tagen besonders vorsichtig sein“, rechtfertigt er seinen Kurs. Daher sei die zunächst bis Ende August befristete NRW-weite Maskenpflicht richtig.
„Für Armin Laschet steht zur Zeit viel auf dem Spiel“, stellt Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann fest. Dessen „Lockerungsübungen“ im Corona-Krisenmanagement seien „in der Bevölkerung und in der Union nicht gut angekommen“. Ein Fiasko im Corona-Krisenmanagement an den Schulen, das in NRW Millionen Eltern, Lehrer und Schüler unmittelbar betrifft, wäre keine Empfehlung für höhere Weihen. Der Oppositionsführer im Landtag, Thomas Kutschaty (SPD), sieht Laschet bereits „im corona-politischen Blindflug“. B. GRÖNEWALD/C. LINNHOFF