Maas in Beirut: Das Chaos als Chance?

von Redaktion

VON MICHAEL FISCHER UND JAN KUHLMANN

Beirut – Es ist sicher einer der schwersten Jobs, die es in der libanesischen Hauptstadt derzeit zu erledigen gibt. Jeden Tag geht die 22-jährige Farah in die Trümmerwüste, dorthin, wo einmal der Hafen war. Eigentlich ist sie Optikerin. Nun sucht sie aber mit 200 anderen Freiwilligen nach Menschen, die vor gut einer Woche durch die verheerende Explosion von fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat ums Leben kamen.

An diesem Mittwoch hat ihr Team schon sechs Leichenteile gefunden, obwohl es gerade erst Mittag ist. „Wahrscheinlich Feuerwehrleute“, sagt Farah. Man müsse noch die DNA überprüfen.

Farah zählt zu den Helferinnen und Helfern, die Außenminister Heiko Maas bei seinem Besuch am Explosionskrater trifft. Auf dem Weg dorthin sieht er Dutzende verformte Autos und Container, blanke Stahlgerüste, wo einmal Lagerhallen waren, meterhohe Trümmerhaufen. Nur ein riesiges Getreidesilo aus Beton konnte der Druckwelle widerstehen, es ist als mahnende Ruine zurückgeblieben.

Es ist ein apokalyptisches Bild, das sich Maas bietet. Eins, das an die Bilder vom 11. September 2001 in New York erinnert. „Es ist doch noch einmal etwas anderes, das mit eigenen Augen zu sehen“, sagt der SPD-Politiker. „Das Maß an Verwüstung und an Zerstörung ist für Menschen, die in Deutschland leben, nahezu unvorstellbar.“

Deutschland hat am Wochenende 20 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Den ersten Scheck über eine Million Euro übergibt Maas gleich am Flughafen an das Rote Kreuz für Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Werkzeug.

Bis zu 300 000 Menschen sollen in der libanesischen Hauptstadt durch die Explosionsschäden obdachlos geworden sein. Eine Frau zeigt ihm spontan ihr Haus. „Ich kann hier nicht bleiben, das zweite Stockwerk ist nicht sicher“, sagt die 26-jährige Pamela. Maas verabschiedet sich von ihr mit einer Umarmung – trotz Corona, aber mit Maske.

Dann geht es weiter zum Regent Park Tower im Stadtteil Dekwaneh. Im 18. bis 24. Stock befindet sich die deutsche Botschaft. Oder besser gesagt: Sie befand sich bis zur Explosion dort. Die Räume wurden durch die Druckwelle schwer verwüstet. Die Statik des Gebäudes wird derzeit von Experten des Technischen Hilfswerks überprüft. Deswegen darf Maas das Gebäude auch nicht betreten – zu gefährlich. Er trifft sich auf einem Parkplatz mit den etwa 160 Botschaftsangehörigen, die erstmals seit der Katastrophe wieder zusammenkommen. Vollzählig sind sie nicht mehr. Eine Mitarbeiterin überlebte die Explosion nicht.

Maas ist aber nicht nur in den Libanon gekommen, um seinen Mitarbeitern beizustehen oder mit Helfern zu sprechen. Ihm geht es auch darum, dass das Chaos auch als Chance für tief greifende Veränderungen in dem kriselnden Land genutzt wird. Zusagen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau sollen künftig mit der klaren Erwartung verbunden werden, dass politische Reformen in Gang kommen. Gegen Misswirtschaft und Korruption sind die Menschen im Libanon schon vor der Katastrophe auf die Straße gegangen. Jetzt haben die Proteste zum Rücktritt der Regierung geführt.

Viele im Land hätten das Vertrauen in das politische System des Libanon verloren, sagt Maas. Mit einem „Weiter so“ und ein paar kosmetischen Veränderungen“ sei es nicht getan. Häufig schon hat die Elite in der Vergangenheit mit blumigen Worten Reformen versprochen. Am Ende waren es immer wieder dieselben Kräfte, Blöcke und Familien, die im Hintergrund die Fäden in der Hand behielten.

Artikel 3 von 11