Riesen-Panne auf der Balkan-Route

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Es ist ein sehr verdrießlicher Nachmittag für Melanie Huml, das ist ihr anzumerken. Manche Sätze enden im Nichts, die Zahlen wabern durch die stickige Luft im Foyer ihres Ministeriums. „Da gibt’s nichts schönzureden“, sagt sie, und zwischen vielen Ähs kristallisiert sich heraus, dass das eine sanfte Untertreibung ist. Was Huml mitzuteilen hat, ist nämlich äußerst bitter: Sie räumt ein, dass 44 000 Tests von Urlaubs-Heimkehrern an Bayerns Autobahnen über Tage hinweg liegen geblieben sind – darunter 900 positive.

Seit Tagen hatte sich der Ärger über der Gesundheitsministerin zusammengebraut. Immer mehr Rückreisende wunderten sich erst still, dann immer lauter, dass sie keine Ergebnisse ihrer Tests bekamen. Die Politik tat, als wären es Einzelfälle. Auch noch, als sich betroffene Politiker meldeten, die auch auf ihre Tests warteten. Auch noch, als Zeitungen darüber berichteten. Auch noch, als Ministerpräsident Markus Söder am Wochenende hellhörig wurde. Auch noch, als unsere Zeitung am Dienstag einen Fragenkatalog einreichte. Huml sagt, sie habe erst am Mittwochmorgen von der Dimension des Problems erfahren.

Die Ursache ist banal: Weil es bei den Test-Stationen auf Söders Druck schnell gehen musste, wurde beim Aufnehmen der Daten der Getesten improvisiert: handschriftlich, kritzel-kritzel – in den Laboren fiel auf, dass damit die Zuordnung der 60 000 Tests ewig dauert. Ohnehin wurden Helfer, Labore und Politik vom Andrang an den Teststationen überrascht.

Medizinisch ist die Panne bitter: 900 Infizierte laufen demnach seit Tagen durch die ganze Republik, die von ihrem positiven Test noch nichts wissen. Nur für die, die aus Risikogebieten kommen, gilt eine Quarantäne-Pflicht, und auch das wird bestenfalls lax überwacht. Politisch ist das mehr als ein Kratzer am Macher-Image Söders und seiner Regierung. Ausgerechnet er, der für einen vorsichtigen Kurs mit schnellem Durchgreifen steht, muss nun eine Riesenpanne verantworten. Bundesweit trifft bereits Spott ein. Söder solle sich mal „ein paar Tage mit neunmalklugen Ratschlägen zurückhalten und die Dinge in Ordnung bringen“, sagt FDP-Fraktionsvize Michael Theurer aus dem Bundestag. „Söder kann Krise nicht“, sagt Grünen-Landtagsfraktionschef Ludwig Hartmann: „Eklatantes Regierungsversagen“. Dazu gärt es in Söders Koalition. Freie-Wähler-Fraktionsmanager Fabian Mehring spricht in einem Facebook-Post – eine Replik auf Sticheleien aus der CSU – von „offenkundigem Versagen von CSU-Ministerinnen“. Am Abend sagt Söder seinen für heute geplanten Nordsee-Besuch samt Wattwanderung ab. Daheim für Ordnung zu sorgen, ist wichtiger als ein Fototermin mit Seehunden.

Jenseits der Panne erweist sich freilich: Mit dem Aufbau der Testzentren an sich und der Warnung vor Rückkehrern hatten Söder und Co. völlig Recht. Der Anteil der positiven Tests zeigt: Jeder 40. Urlauber, der auf der A 3 über Ostbayern einreiste, ist infiziert. Der Grund dürfte die Balkan-Route sein. Aus bundesweiten Daten des Robert-Koch-Instituts, ebenfalls gestern aktualisiert, geht hervor: Über 1000 Rückkehrer kamen Corona-positiv aus dem Kosovo zurück, 260 aus Kroatien, 500 aus der Türkei, Über Spanien und den Ballermann wird zwar öffentlich gern diskutiert, von dort reiste aber nur ein Bruchteil der Fälle nach Deutschland ein.

Bayern will nun die Scherben aufkehren. Huml verspricht „Nachtschichten“, ab sofort würden alle Daten digitalisiert. Bis heute Mittag werde jeder der 900 Infizierten informiert. Betroffen sind überwiegend die Autobahn-Zentren, an den Flughäfen lief es demnach deutlich besser. Komplett verloren worden sei, so sagt sie, kein Test – nach bisheriger Kenntnis.

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