München – Eigentlich wollte Markus Söder an diesem Tag durchs Watt wandern. Stattdessen zeigt sich, dass der CSU-Chef doch nicht übers Wasser laufen kann. Das Test-Chaos an Bayerns Autobahnen durchkreuzt nicht nur die lange geplante Norddeutschland-Tour des Ministerpräsidenten mit den tollen Fotos mit Leuchttürmen und Seehunden, sondern fügt auch seinem Image als Krisenmanager Kratzer zu.
Starkbierfeste, Erntehelfer, Gerichtsurteile, die die Corona-Verordnungen kippten – nichts davon blieb an Söder hängen. Doch jetzt wird bundesweit über Pannen aus Bayern berichtet. Und plötzlich wird hinterfragt, ob Söder als Krisen-Kanzler taugt.
Das Presseecho in den Freitagsausgaben ist mies. „Peinliche Lage“ für einen der immer „schneller, besser und klüger“ sein wolle als andere, urteilt die „FAZ“. „Der Seuchen-Sheriff schießt sich ins eigene Bein“, unkt die „Neue Zürcher Zeitung“. Noch gibt’s keine Umfrage, aus der sich ein Knick ablesen ließe. Zuletzt war Söder ja bundesweit Umfragenkönig: Das Trendbarometer von RTL und n-tv ergab vor zwei Wochen, dass bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers 41 Prozent für ihn stimmen würden, nur 20 Prozent für den Grünen Robert Habeck und 14 Prozent für den SPD-Kandidaten Olaf Scholz. Das Test-Chaos könnte solche Zahlen relativieren.
Es ist naturgemäß vor allem die Opposition, die die Kritik an Söder befeuert – in einem sehr vielstimmigen Chor. Mehrere Parteien bemühen sich emsig, ihre Bundespolitiker gegen Söder in die Medien zu bringen. Nicht alle können ihre Schadenfreude verbergen. „Wer sich als Ministerpräsident permanent als Krisenmanager inszeniert und sich selbst ständig auf die Schulter klopft, ist auch in der Verantwortung sicherzustellen, dass es funktioniert“, sagt Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Sie sieht „ein schweres Versäumnis, das gefährdet die Gesundheit des Einzelnen und den Pandemieschutz insgesamt“. Linken-Chefin Katja Kipping stellt fest: „Söder entlarvt sich als Scheinriese im Krisenmanagement.“ Und der SPD-Linke Ralf Stegner ätzt: „Wer den Mund so voll nimmt, darf sich über bundesweiten Spott nicht wundern.“ Der SPD, die jüngst ihren Kanzlerkandidaten vorstellte und in Umfragen zulegte, kommt es zupass, wenn mit Söder der aussichtsreichste Unions-Mann einen dicken Dämpfer erhält.
Auch aus Bayern schallt Söder Kritik entgegen, nur anders dosiert. Die eigene Koalition hält sich zurück. Die CSU-Fraktion stellt sich explizit hinter Söder und seine angeschlagene Gesundheitsministerin Melanie Huml. „Es war richtig, mit Testzentren sofort zu starten – besser, als gar nichts zu machen“, sagt Fraktionschef Thomas Kreuzer. Die Freien Wähler schweigen zumindest höflich.
Die Landtags-Opposition ist sich indes nicht ganz sicher, wer ins Visier zu nehmen ist. Der SPD-Landesverband fordert vehement den Rücktritt von Huml, die SPD-Landtagsfraktion verbreitet zeitgleich, der Rücktritt von Huml löse kein Problem. Verantwortlich sei schon Söder selbst. Die FDP ruft wiederum nach Humls Rauswurf, die AfD erklärt Söder wie Huml für unfähig, die „selbstverschuldete Krise zu bewältigen“.
Wenigstens aus dem Norden kommen gute Nachrichten. Ministerpräsident Daniel Günther hat angeboten, den Besuch bei den Seehunden nachzuholen. cd/mik