Fünf Jahre Flüchtlingskrise: Der Faktencheck

von Redaktion

Die Zahl der Asylanträge ist seit 2015 stark gesunken, bei der Integration ist Deutschland ein Stück vorangekommen

Wie hat sich die Zahl der Asylanträge entwickelt?

Die Zahlen sind rückläufig. Höhepunkt war 2016 mit 722 370 Anträgen (siehe Grafik). Heuer gab es bis Ende Juli 55 756 Erstanträge. Auch in Bayern ging die Zahl der Anträge seit 2015 (71 168) deutlich zurück. 2019 waren es nur noch 18 368. Die Grafik zeigt auch die Herkunftsländer 2020. Ganz vorne: Syrien, Irak, Afghanistan. 2015 kamen ebenfalls überwiegend Syrer, gefolgt von Albanern und Kosovaren, die heuer keine große Rolle mehr spielen.

Wie viele Flüchtlinge erhielten in Deutschland und in der EU seit 2015 Asyl?

Deutschland hat seit 2015 rund eine Million positive Asylbescheide ausgestellt. 2016 erhielten rund 434 000 Menschen Schutz in Deutschland. Seitdem sinkt die Zahl. 2019 waren es rund 70 000. In der Europäischen Union wurden seit 2015 1,86 Millionen positive Asylbescheide ausgestellt. Nach Deutschland gab es in Italien, Frankreich, Schweden und Österreich die meisten positiven Bescheide. Wie in Deutschland sinkt die Zahl seit 2016 EU-weit, 2019 waren es rund 221 000.

Wie viele Asylanträge werden anerkannt bzw. abgelehnt?

Die Anerkennungsquote ist von 48,5 Prozent (2015) auf 24,5 Prozent im Jahr 2019 gesunken. Im Freistaat Bayern liegt sie meist knapp unter dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahl der Ablehnungen liegt in diesem Jahr mit bisher 33,5 Prozent auf einem ähnlichen Niveau wie im Jahr 2015. Die Rechtsstellung als Flüchtling war bei syrischen Flüchtlingen 2019 mit 49,5 Prozent am höchsten, von Nigerianern wurden hingegen nur rund drei Prozent als Flüchtlinge anerkannt.

Wie hat sich die Zahl der Abschiebungen entwickelt?

2019 gab es 22 097 Abschiebungen aus Deutschland. 2015 waren es 20 888. Heuer ist die Zahl im ersten Halbjahr nach Angaben des Bundes erheblich gesunken. Im ersten Halbjahr waren es 4616 Menschen, 2019 waren es im selben Zeitraum noch 11 496. Das liegt vor allem an der Corona-Pandemie. Bemerkenswert ist der Anstieg der Sammelabschiebungen seit 2015. 2014 waren es nur 34, 2019 schon 168.

Aus Bayern wurden 2019 3545 Asylsuchende abgeschoben, 2015 waren es 4195. Bundesweit liegt Bayern damit auf Rang zwei hinter Nordrhein-Westfalen (6359).

Wie viele Ausländer leben in Deutschland?

2015 waren es rund 9,1 Millionen, 2019 laut Statistischem Bundesamt bereits 11,2 Millionen. In Bayern wuchs die ausländische Bevölkerung von 1,58 Millionen (2015) auf 1,92 Mio (2019). Der Anteil der Ausländer an der bayerischen Gesamtbevölkerung lag vergangenes Jahr bei 14,6 Prozent. Welche Bildungsschicht kommt nach Deutschland?

Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gehören die meisten Geflüchteten in ihrem Herkunftsland zur gebildeteren Schicht, zum Beispiel 75 Prozent der Syrer, 66 Prozent der Afghanen, 53 Prozent der Iraker. Gemessen an deutschen Standards haben sie laut DIW jedoch oft einen niedrigen Bildungsabschluss. Wie läuft die Integration von Kindern und Jugendlichen? Laut DIW läuft die Integration von Kindern und Jugendlichen besonders gut. Sie fühlen sich zugehörig an ihrer Schule, nutzen überdurchschnittlich Ganztagsschulen und Hortangebote. Außerschulisch gibt es aber Probleme. So liegt die Mitgliederquote in Sportvereinen um 18 Prozent niedriger als bei Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund.

Wie gut läuft es bei den Deutschkursen?

Laut dem Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) haben 23 Prozent der zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland Geflüchteten eine allgemeinbildende Schule, berufliche Bildungseinrichtung oder Universität besucht. Das Niveau der Deutschkenntnisse steige stetig. Laut dem Bundesamt für Migration gaben 2018 44 Prozent der befragten Geflüchteten an, über gute oder sehr gute Deutschkenntnisse zu verfügen. 2016 waren es nur 22 Prozent. Am Deutschtest für Zuwanderer (DTZ) nahmen 2019 195 326 Flüchtlinge teil, gut die Hälfte absolvierte den Kurs mit dem Sprachniveau B1.

In Bayern gab es 2019/20 550 Berufsintegrations- und Deutschklassen an beruflichen Schulen. Zudem gibt es an Grund- und Mittelschulen rund 450 Deutschklassen mit zusätzlichen Stunden für Werteerziehung und einem eigenen Bereich für Sprach-und Lernpraxis.

Gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt?

Das IAB stellte fest, dass die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen, die zwischen 2013 und 2016 kamen, etwas, aber nicht bedeutend schneller läuft als vor 2013. Laut IAB gehen 49 Prozent der Geflüchteten fünf Jahre nach ihrem Zuzug einer Erwerbstätigkeit nach. Mehr als die Hälfte davon arbeitet als Fachkraft oder in Tätigkeiten mit höherem Anforderungsniveau, 44 Prozent als Helfer.

Eine Untersuchung des DIW für denselben Zeitraum kam zu anderen Zahlen. Demnach schafften es 43 Prozent in eine Beschäftigung, 57 Prozent nicht. Laut DIW hatten zwei Drittel der Geflüchteten ihre Chancen als hoch eingeschätzt, bereits nach zwei Jahren erwerbstätig zu sein, ein Drittel nicht. Dies sei bedeutsam, da enttäuschte Erwartungen sich negativ auf die Integration auswirken können.

Und in Bayern?

2015 beschloss Bayern, 60 000 Flüchtlinge bis Ende 2019 in Arbeit zu bringen. Das wurde im Frühjahr 2018 erreicht. 149 500 Praktikumsplätze wurden vergeben, 17 900 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Laut der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai 2020 rund 58 000 Personen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern in Bayern sozialversicherungspflichtig versichert. Laut dem Bayerischen Industrie- und Handelskammertag stammen inzwischen fünf Prozent der Auszubildenden in IHK-Berufen aus Fluchtländern.

Wie viele Asylsuchende gehen freiwillig in die Heimat zurück?

Der Bund unterstützt freiwillige Rückkehrer bei der Ausreise – auch finanziell. Seit 2015 haben rund 150 000 Menschen Deutschland wieder verlassen. Auch Bayern hat seit Oktober 2018 ein Programm zur freiwilligen Rückkehr. Das haben bisher rund 1750 Menschen genutzt.

Wie viele Asylunterkünfte gibt es noch in Bayern?

In Bayern gab es 2016 rund 6400 Unterkünfte, heuer sind es noch etwa die Hälfte. In den bayerischen Unterkünften leben derzeit neben Asylsuchenden zusätzlich etwa 19 000 sogenannte Fehlbeleger. Das sind Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt sind, jedoch trotz Bemühungen keine eigene Wohnung finden. Zur Überbrückung können sie weiterhin in den Unterkünften leben.

Wie hat sich die Kriminalität in Bayern entwickelt?

Die Kriminalität in Bayern war in den letzten fünf Jahren insgesamt rückläufig: von 805 915 Straftaten 2015 auf 603 464 im Jahr 2019. Auch die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge ist in dieser Zeit gesunken: von 230 309 auf 73 834. Allerdings war 2019 jeder zehnte Tatverdächtige in Bayern ein Geflüchteter, 2015 waren es nur 6,4 Prozent – die Gruppe ist damit laut Polizeistatistik überrepräsentiert.

Bei einem großen Teil der Fälle (33 437) handelt es sich um ausländerrechtliche Delikte, etwa Verstöße gegen das Asylrecht. Mehr als die Hälfte (40 397) sind aber teils schwere Straftaten wie Körperverletzungen (2019: 9600; 2015: 4703) Rauschgiftkriminalität (2019: 5647; 2015: 1178) oder Sexualdelikte (2019: 948; 2015: 298). Bei Sexualdelikten erklärt sich die Steigerung teils durch neue Tatbestände im Sexualstrafrecht. Bei anderen Straftaten sind die Zahlen gefallen. So gab es 2019 noch 6053 Diebstähle (2015: 7359).

Wie besorgt sind die Deutschen noch?

Der Anteil der Deutschen, die über Zuwanderung besorgt sind, ist laut DIW von 46 Prozent (2016) auf 32 Prozent (2018) gesunken – liegt aber immer noch höher als 2013.

OSKAR PAUL & NICO SCHMITZ

Artikel 8 von 11