Wie Merkel Corona schaffen will

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

München – Die Gelegenheit wäre da. 90 Minuten nimmt sich die Kanzlerin am Freitag Zeit, um Fragen zu beantworten. Es ist ein Ritt quer durch Innen- und Außenpolitik, vor allem geht es aber um ein Thema: Corona. Ein bisschen ist es wie 2015. Sommer-Pressekonferenz, das Land steckt in einer Krise. Angela Merkel (CDU) könnte wieder so einen Satz platzieren wie an gleicher Stelle vor fünf Jahren – wenn sie denn wollte.

Aber sie hat ihre Lehren aus 2015 gezogen, ein „Wir schaffen das“ käme ihr heute wohl nicht mehr über die Lippen. „Jede Krise hat ihre eigene Sprache“, sagt Merkel, betont aber auch: „Ich würde die wesentlichen Entscheidungen wieder so treffen wie damals.“ Seit 2015 habe man „viel zustande gebracht“ und ja, Probleme gebe es auch, bei Abschiebungen oder Kriminalität. Alles andere wäre ja auch „ungewöhnlich“.

Merkel hält gerade so viel Rückschau, wie sie muss; die Gegenwart kommt schließlich mit genug neuen Problemen daher. Deshalb nutzt sie den Auftritt zu Beginn auch dazu, die Deutschen auf einen unangenehmen Corona-Winter einzustimmen. „Man muss damit rechnen, dass manches in den nächsten Monaten noch schwieriger wird als im Sommer.“ Das Leben draußen biete einen relativen Schutz vor Aerosolen – in den nächsten Monaten gelte es, „die Infektionszahlen niedrig zu halten, wenn wir uns wieder drinnen aufhalten“.

Merkel spricht von Wachsamkeit und einer „nie dagewesenen Herausforderung“. Das hat man alles schon mal gehört, aber es klingt deshalb nicht minder ernst. Für den Herbst nennt sie drei Ziele: Alles tun, damit die (Schul-)Kinder nicht die Verlierer der Pandemie sind. Die Wirtschaft wieder fit bekommen. Und den gesellschaftlichen Zusammenhalt „so weit wie möglich“ bewahren. Schließlich habe das Virus einige Bevölkerungsgruppen härter getroffen als andere.

Bald beginnt das letzte Jahr ihrer Kanzlerschaft, aber statt das Tempo langsam runterzufahren, ist Angela Merkel so gefordert wie selten zuvor. Das spiegeln schon die Fragen an sie wider. Es geht um die Lage in Belarus, die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei, das Verhältnis zu Russland und China, die Klimakrise und, und, und. Merkel antwortet so konzentriert wie ernst, sie plädiert für Dialog und Geduld. Platz für Leichtigkeit ist kaum.

Aber ein paar wenige Momente gibt es dann doch. Als eine Reporterin wissen will, ob die Behauptung des ehemaligen US-Botschafters in Berlin, Richard Grenell, denn stimme, dass Donald Trump sie verzaubert habe, blickt Merkel kurz verdutzt ins Leere. „Was hat er mich?“, fragt sie dann. „Verzaubert.“ – „Ach so.“ Ihr Grinsen ist dann recht aufschlussreich.

Dennoch: Die Last der vergangenen Wochen und Monate ist ihr anzumerken – und es wird in nächster Zeit kaum besser werden. Merkel hat national wie international dicke Bretter zu bohren. Eines davon wird sicher sein, endlich zu einer gemeinsamen europäischen Asylpolitik zu kommen. Das klappt seit Jahren nicht, aber die Kanzlerin bemüht sich um Zuversicht. Es sei machbar, wenn man denn wolle.

Wahrscheinlich ist es Merkels vorletzte Sommer-Pressekonferenz – nächstes Jahr noch mal, dann ist Wahl. Viel Zeit bleibt also nicht mehr, um alles anzupacken. „Jeder Tag zählt“, sagt auch Merkel und wirkt wieder recht frisch. Ein wenig muss man da an einen Satz denken, den sie kurz zuvor noch sagte: „Ich sitze ja noch hier. Geschafft hat mich eigentlich gar nichts.“

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