Berlin – „Wer die gesetzliche Rente in Deutschland armutsfest und lebensstandardsichernd umbauen will, kommt an Österreich als rentnerfreundlichem Vorbild nicht vorbei“, sagte kürzlich Matthias Birkwald, Rentenexperte der Linksfraktion. Schon wiederholt hatte sich die Partei so geäußert. Jetzt stützt sie sich dabei auf ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Das zeigt, dass im Nachbarland die gesetzliche Rente – bei ähnlichen Belastungen für Staatskasse und Arbeitnehmer – wesentlich stärker zur Sicherung des Lebensstandards beiträgt. Ob das System übertragbar wäre, geht aus dem elfseitigen Dokument aber nicht hervor.
Österreich als Vorbild zu nehmen, würde eine grundlegende Reform bedeuten: Das Nachbarland hat seit 1958 zusätzlich zu den Arbeitnehmern nach und nach Beamte, Abgeordnete, Freiberufler, Landwirte und fast alle anderen Selbstständigen in die gesetzliche Rente integriert. Arbeitnehmer zahlen monatlich 10,25 Prozent ihres Bruttolohnes als Beitrag ein, der Arbeitgeberbeitrag liegt bei 12,55 Prozent. Selbstständige zahlen 18,5 Prozent. In Deutschland betragen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil je 9,3 Prozent. Trotz ähnlicher Beitragssätze für Arbeitnehmer beziehen viele österreichische Pensionisten eine im Vergleich zum Einkommen deutlich höhere gesetzliche Rente.
Nach dem im Jahr 2005 eingeführten Pensionskontomodell soll, wer nach 45 Beitragsjahren mit 65 in Rente geht, 80 Prozent des Lebensdurchschnittseinkommens als gesetzliche Rente erhalten. Grundgedanke ist, dass die gesetzliche Rente den Lebensstandard sichern soll. Daraus errechnet sich die Höhe der Beiträge. Die sind trotz einer in Österreich nur leicht günstigeren demografischen Entwicklung seit 1990 stabil.
In Deutschland wurde das Paradigma der Lebensstandardsicherung durch die gesetzliche Rente 2001 umgekehrt. Seither bestimme „der den Beitragszahlern zumutbare Beitragssatz die Rentenhöhe“, heißt es in dem aktuellen Gutachten. Für den zur Berechnung herangezogenen Modellrentner, der 45 Jahre lang genau so viel verdient hat wie der Durchschnitt der Beitragszahler, ergibt sich derzeit eine Standardrente in Höhe von 48 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens. Die Standardrente lag 2019 bei 17 000 Euro brutto im Jahr. Der österreichische Modellrentner erhielt 2019 rund 26 000 Euro brutto. Das macht einen Unterschied von 800 Euro im Monat.
Wer weniger verdient, weniger Beitragsjahre hat oder früher in Rente geht, muss in beiden Systemen Abschläge hinnehmen. In Deutschland bezogen 2018 laut Arbeitsministerium 17 Millionen Menschen unter 1000 Euro monatlich aus der gesetzlichen Rente, knapp elf Millionen von ihnen nach 30 oder mehr Beitragsjahren. Im Schnitt lag die gesetzliche Rente in der Bundesrepublik im Jahr 2019 bei 1148 Euro monatlich für Männer und 711 Euro für Frauen. Die meisten Bezieher fallen in die Klasse zwischen 1200 und 1500 Euro im Monat.
Eine Rentenklassenstatistik gibt es in Österreich nicht. Im Schnitt zahlte die Pensionskasse 1678 Euro für Männer und 1028 für Frauen. In Österreich gibt es zudem eine Mindestrente. Nach 30 Beitragsjahren liegt sie bei 1136 Euro monatlich. Weniger als 966 Euro bekommt niemand. In den Genuss der gesetzlichen Rente kommen die Österreicher früher. Männer gehen im Schnitt mit 63 in Rente, Frauen mit 60. Deutsche Frauen und Männer beziehen im Schnitt ab 64 Jahren gesetzliche Altersrente.
Bezuschussen müssen beide Staaten die gesetzliche Rente mit Steuermitteln, die Österreicher zuletzt in Höhe von 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Deutschen mit 2,8 Prozent. Welcher der Unterschiede die höhere gesetzliche Rente in Österreich ermöglicht – etwa die Beteiligung von Beamten und Selbstständigen, die höheren Arbeitgeberbeiträge oder die Demografie – hat das Gutachten nicht untersucht. Auch gebe es keinen Aufschluss über Vermögensverhältnisse, so die Autoren.