Die Demoskopen lagen wieder falsch

von Redaktion

VON FRIEDEMANN DIEDERICHS

Washington – Präsident Donald Trump hat – wie schon 2016 – erneut Umfragen und Vorhersagen von Experten getrotzt und mit einem starken Abschneiden den vielfach prognostizierten raschen Erdrutsch-Sieg seines Konkurrenten Joe Biden verhindert.

Der Traum der Demokraten, schon früh in der Wahlnacht nach einer „blauen Welle“ die Sektkorken knallen lassen zu können, scheiterte vor allem an zwei Faktoren: Zum einen gelang es Trump, einen größeren Teil der Minderheiten – vor allem Latinos – für sich zu gewinnen, als allgemein für möglich gehalten wurde. Das wird insbesondere am Beispiel Florida deutlich, das der Präsident am Ende im Vergleich zu 2016 überraschend deutlich gewann. Dort spielten offenbar Wähler kubanisch-amerikanischer Abstammung im Großraum Miami eine wesentliche Rolle.

Zum anderen schaffte es Trump, seine weiße Kernwählerschaft auf dem Land auch außerhalb von Florida überdurchschnittlich stark zum Wahlgang zu motivieren – und das machte dann seine landesweit schlechte Zustimmungsquote zum Umgang mit der Corona-Pandemie teilweise wieder wett.

Zu den guten Resultaten beigetragen haben offenbar auch die zahlreichen Auftritte Trumps in den letzten Tagen vor der Abstimmung. Vor allem im Süden – siehe Georgia, Florida und North Carolina – zahlte sich die Taktik aus, Afro-Amerikaner und Wähler lateinamerikanischer Herkunft stärker ins Visier der Werbung zu nehmen. In einem viel beachteten TV-Spot hatte der Präsident dabei Joe Bidens Beteiligung als Senator an einem umstrittenen Kriminalitätsgesetz hervorgehoben, das dazu geführt hatte, dass überdurchschnittlich viele Minderheitenangehörige hinter Gittern landeten. Biden hatte zwar im Wahlkampf eingestanden, dass sein Verhalten ein Fehler gewesen sei – doch damit diesen Kritikpunkt nicht vom Tisch wischen können. Dass Trump im Südwesten der USA den Bundesstaat Arizona überraschend verlor, könnte an einem regional-spezifischen Phänomen und nicht unbedingt an der Stärke Bidens gelegen haben. Der Präsident hatte immer wieder erkennen lassen, dass er keine Sympathien für den verstorbenen republikanischen Senator John McCain hegt. Doch dieser hat in Arizona Volksheld-Status – und seine Witwe Cindy hatte sich vor der Wahl deutlich für Biden ausgesprochen.

Das „Wall Street Journal“ bezeichnete gestern in einer ersten Reaktion auf die Lage, bei der beiden Kandidaten weiter eine Siegchance habe, die Demoskopen als „größte frühe Verlierer“. Die meisten Umfragen der großen US-Medien hätten Biden in einem Spaziergang siegen sehen. Besonders lagen diese Meinungsforscher in Florida daneben. Die Zeitung aus New York formulierte gestern die Vermutung, dass die Stärke der US-Wirtschaft vor der Pandemie eine große Rolle beim Abschneiden Trumps gespielt habe. Der Präsident hatte in seinen Ansprachen immer wieder darauf hingewiesen, dass eigentlich nicht ihn, sondern China die Schuld am Zusammenbruch der Konjunktur in der Corona-Krise treffe.

Und dann gibt es noch den Faktor des „stummen Sympathisanten“. Das sind Wähler, die gegenüber den Demoskopen nicht die Wahrheit sagten, weil sie sich Spott und Häme von politisch Andersdenkenden gefallen lassen mussten. Ein Teil von ihnen könnte in Umfragen deshalb das gesagt haben, dass sie „natürlich“ für Biden stimmen würden. In der Wahlkabine landete ihr Kreuzchen jedoch bei Trump.

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