„Sie stellen sehr deutsche Fragen“

von Redaktion

Amerikanischer Ex-Botschafter John Kornblum würdigt hohe Wahlbeteiligung bei Präsidentschaftswahl in den USA

Berlin – Nach Einschätzung des ehemaligen US-Diplomaten John Kornblum (77) ist die Präsidentschaftswahl Ausdruck einer funktionierenden Demokratie in seinem Land gewesen. Kornblum war von 1997 bis 2001 unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton Botschafter der USA in Deutschland.

Herr Kornblum, hätten sie einen solchen Wahl-Krimi erwartet?

Sicher war ich nicht, aber es hat mich nicht überrascht.

Die meisten US-Umfrage- institute sahen Biden ganz klar vor Trump. Warum haben sie sich geirrt?

Einspruch. Es gibt ja zwei Abstimmungen. Wer bekommt die meisten Stimmen? Und wie viele Bundesstaaten werden mit absoluter Mehrheit gewonnen? Bei Letzterem war immer klar, dass es ziemlich eng sein würde. Die Demokraten hatten ein optimistisches Szenario, wonach sie in Florida gewinnen und Trump damit blockieren würden. Das realistische Szenario dagegen war, dass Trump dort gewinnt und man dafür in sogenannten Rust-Belt-Staaten gewinnen muss. Da war immer klar, dass es wegen der Briefwahl dort lange mit der Auszählung dauert.

Biden konnte auch Trump-Gegner nur wenig begeistern. War er der falsche Kandidat?

Es hätte einen anderen geben können. Aber er spiegelt die Stimmung unter den demokratischen Wählern wider. Es ist das erste Mal, dass zwei Kandidaten um die Präsidentschaft gekämpft haben, die weit über 70 Jahre sind. Das heißt: Auch demokratische Wähler denken nicht revolutionär, sie wollen das Erprobte haben. Es gibt das Revolutionäre, Stichwort Digitalisierung und Globalisierung, aber die Bevölkerung stemmt sich gegen Änderungen.

Warum hat Trumps Warnung vor sozialistischen Verhältnissen so gezogen? Die allermeisten Amerikaner wissen doch gar nicht, was das genau ist?

Sie wissen nicht, was das genau ist, aber sie wissen, dass sie das nicht mögen, dass das antiamerikanisch ist. Es gibt verschiedene Gründe, warum Trump so gut abgeschnitten hat. Im Kern hat es mit der Entfremdung der Gesellschaft in der Phase eines großen Wandels zu tun, nicht mit konkreten Dingen, sondern mit Emotionen.

Nach der Wahl scheinen die USA noch tiefer gespalten zu sein als vorher. Können die Gräben jemals überwunden werden?

Die Konfrontation ist seit Jahren da. Und Europa muss aufpassen, weil sich dieser Zustand auch dort ausbreitet. Man kann es als Vorwarnung auf eine Zukunft sehen, in der sehr viel Durcheinander herrschen wird.

Ist das demokratische System der USA in der Krise? Ist das Land so regierbar?

Sie stellen mir deutsche Fragen. Wir sehen das nicht so. Das Interessante an dieser Wahl war doch die sehr hohe Wahlbeteiligung. Damit hat die Bevölkerung unterstrichen, dass sie ihr demokratisches Recht ausüben will. Die Demokratie ist nicht in Gefahr. Man muss immer unterscheiden zwischen dem Zustand und dem Ergebnis. Das Ergebnis ist nicht immer das, was man haben möchte.

Was bedeutet die Entwicklung für das deutsch-amerikanische Verhältnis?

Das lässt sich noch nicht abschätzen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr automatisch die Verantwortung für Europa übernehmen. Stattdessen muss Europa mehr Verantwortung übernehmen – für die Unterstützung der westlichen Werte auf der Welt und die Marktwirtschaft.

Bitte vervollständigen Sie diesen Halbsatz: Vier Jahre weitere Donald Trump wären für die Welt…

… eine Herausforderung.

Und wenn Biden gewinnt?

Das Klima, der Umgang miteinander, wären besser, aber die Herausforderungen wären genauso schwierig und die Disruptionen genauso weitreichend.

Interview: Stefan Vetter

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