„Das Schlimmste kommt noch“

von Redaktion

Italien ringt mit der zweiten Corona-Welle und bereitet weitere Schließungen vor – Kliniken in dramatischer Lage

Rom – Überfüllte Krankenhäuser, ein nationaler Lockdown, solidarischer Applaus für die Ärzte und das Pflegepersonal während der ersten Welle der Corona-Epidemie. Das war einmal? Wieder sind die Berichte aus Italien dramatisch und gleichen denen aus dem Frühjahr. Die Krankenhäuser füllen sich erneut, ein nationaler Lockdown steht bevor.

Doch Ärzten und Pflegern applaudiert heute niemand mehr, sie verschaffen sich mit Mühe Gehör. „Die Krankenhäuser sind am Rande des Zusammenbruchs“, schrieb gestern ein Zusammenschluss von Internisten, Geriatern und Krankenpflegern in einem offenen Brief. Die Kliniken befänden sich am Rande ihrer Kapazitäten „wegen zu wenig Personal und zu wenig Betten angesichts des anormalen Zustroms von Kranken aufgrund der schnellen und schwindelerregenden Verbreitung der Covid-Infektionen“, heißt es. Die Situation sei „dramatisch“.

Aus allen Landesteilen dringen Alarmmeldungen, die so ähnlich bereits während der ersten Corona-Welle im März kursierten. So spitzt sich die Lage vor allem in der Lombardei zu, wo Kliniken örtlich bereits Patienten wegen Überfüllung abgeben müssen. Ähnliche Situationen wurden aus Krankenhäusern in der Toskana, in Latium, in Kampanien und im Piemont gemeldet. Die Lombardei, Kampanien und Venetien haben geplante chirurgische Eingriffe verschoben, bei denen Patienten anschließend auf den Intensivstationen behandelt werden müssen. Die Intensivstationen sind derzeitig das Sorgenkind in Italien. Örtlich sind sie bereits voll, landesweit lag die Belegung am Wochenende noch bei rund 30 Prozent. In der Lombardei, im Piemont, in Umbrien und in Südtirol sind teilweise weit mehr als die Hälfte aller Intensivbetten belegt.

Das Problem sind die weiterhin steigenden Ansteckungszahlen (inzwischen über eine Million) und die Gewissheit, dass auch im Fall eines nationalen Lockdowns erst mindestens zwei Wochen vergehen müssen, bis auch die Einlieferungen in den Krankenhäusern abnehmen. Angesichts dieses Szenarios warnte der Vorsitzende des Verbandes der italienischen Ärzteschaften Filippo Anelli zu Beginn der Woche vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage bis Weihnachten. „Das Schlimmste kommt noch“, sagte er und wies auf die drohende Grippewelle hin.

Jedes Krankenhausbett für einen Corona-Patienten werde Patienten mit anderen schweren Krankheiten vorenthalten. „Noch haben wir Zeit, das alles mit einem einmonatigen nationalen Lockdown zu verhindern. Die Alternative ist, dass das Gesundheitssystem die weiße Fahne hisst“, sagte Anelli. Die Regierung beriet auch am Mittwoch über das weitere Vorgehen. Vergangenen Freitag hatte das Gesundheitsministerium Italien in drei Zonen aufgeteilt, in denen das Corona-Risiko mittel (gelb), hoch (orange) und besonders hoch (rot) ist. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, diesen Flickenteppich beizubehalten. Ob die Maßnahmen ausreichen, um den Kollaps zu verhindern, ist unklar. Gestern meldeten die Behörden 623 neue Corona-Opfer. Mehr als je zuvor. JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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