Facebook und Twitter zwischen den Wahl-Fronten

von Redaktion

Schwere Zeiten für Zuckerberg und Co. – Konservative fliehen die Plattformen, Demokraten wollen zensieren

Washington – In Henderson, einem Vorort von Las Vegas, betreibt John Matze seit September 2018 ein soziales Netzwerk, das er „Parler“ taufte. Sein Ziel: Konservativen in den USA eine unzensierte Plattform für Meinungsäußerungen zu bieten. „Parler“ führte bisher mit drei Millionen Nutzern ein Schattendasein. Doch seit der US-Wahl hat sich das dramatisch geändert. Täglich melden sich Schätzungen zufolge rund eine Million Menschen bei „Parler“ an – fast immer Flüchtlinge, die Facebook und Twitter verlassen und eine neue Online-Heimat suchten. Im App-Store von Apple war „Parler“ am vergangenen Wochenende die am häufigsten abgefragte App.

Trumps Anhänger beklagen, dass sowohl Facebook als auch Twitter ihre Posts löschen, Nutzer bannen und Meldungen mit Warnhinweisen versehen, die den Wahlsieg von Joe Biden infrage stellen. Nutzergruppen wie „Stop The Steal“ („Stoppt den Diebstahl“) auf Facebook gewannen in nur Stunden zehntausende Mitglieder, bis das Unternehmen sie löschte. Jetzt wandern alle zu „Parler“, wo die Anmeldefunktion aufgrund des Andrangs zeitweise zusammenbrach.

Für Mark Zuckerberg und Jack Dorsey, die Chefs von Facebook und Twitter, brechen schwierige Zeiten an. Beide finden sich nun zwischen den Fronten der großen Parteien in den USA wieder – und könnten langfristig wie Trump zu den großen Verlierern gehören. Das Geschehen an der Wall Street, wo beide Plattformen zuletzt deutlich an Marktkapital verloren, spiegelt dabei bereits auch die Bedenken der Investoren wider. Während sich die Trump-Fans lautstark über zu viel Zensur beklagen und das Weite suchen, geht andererseits den Demokraten der Kampf der beiden Social Media-Giganten nicht weit genug. Das dürften sowohl Zuckerberg wie auch Dorsey spüren, wenn sie demnächst wieder vor dem US-Kongress in Washington angehört werden.

Besonders wurde die Stimmungslage durch eine Serie von Twitter-Posts von Bill Russo deutlich, dem Kommunikationsdirektor der Biden-Wahlkampagne. Russo attackierte Facebook mit extrem scharfen Worten, die vermutlich auch von Biden selbst autorisiert worden waren. Die Plattform „zerreißt den Stoff, aus dem unsere Demokratie besteht“, hieß es da unter anderem. Die Kritik bezog sich vor allem auf Posts, die Falschinformationen verbreiteten und zu Gewalt aufriefen. Hinter einigen von ihnen steckte Steve Bannon, ein früherer enger Berater von Präsident Trump. Beobachter vermuten, dass Russo mit seinen Aussagen Hinweise auf die Behandlung der großen Plattformen durch den neuen Präsidenten geben wollte. In Washington verstärkten sich derzeit Gerüchte, dass Biden und die Demokraten auf dem Kapitol versuchen könnten, ein Gesetz abzuschaffen, dass Facebook, Twitter und andere Plattformen schützt, wenn Nutzer rechtswidriges Material veröffentlichen.

Die von Facebook und Twitter ins Visier genommenen Nutzer zeigen sich unterdessen einfallsreich, um der Zensur zu entgehen. Die Gruppe, die sich für eine erneute Auszählung aller Stimmen einsetzt, wechselte seit letzten Donnerstag der „Washington Post“ zufolge allein fünfmal ihren Namen. Auch vermied man bewusst den Trump-Wahlkampfslogan „MAGA“ („Make America Great Again“), weil Facebook diesen als anstößig oder bedrohlich einstufen könnte.

Gleichzeitig hält die Völkerwanderung in Richtung „Parler“ an, das keine Fakten-Checker beschäftigt. „Beeilt Euch und folgt mir auf Parler“, postete der prominente konservative Moderator Mark Levin, nachdem Twitter einen Post von ihm gelöscht und andere kommentiert hatte. In diesen hatte der Autor den Wahlsieg Bidens in Frage gestellt. FRIEDEMANN DIEDERICHS

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