„Die Gefahr einer Corona-RAF besteht“

von Redaktion

Er gilt als einer der renommiertesten Terrorismus-Experten in Europa: Peter Neumann, 45, stammt aus Würzburg und lehrt als Politikwissenschaftler am Londoner King’s College. Neumann berät Regierungen und internationale Organisationen wie den UN-Sicherheitsrat. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Prozess der Radikalisierung. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst erläutert er, weshalb er zumindest Teile der „Querdenker“-Bewegung für gefährlich und gewaltbereit hält.

Terroristische Gefahren wurden bislang eher islamistischen Kreisen zugeordnet. Wie groß ist die Gefahr durch immer militanter wirkende Corona-Gegner?

Das ist eine der interessantesten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Bis vor einem Jahr hat man sich in Deutschland ja gestritten, wer gefährlicher ist – Islamisten oder Rechtsradikale. Die Wahrheit ist, dass beide gefährlich sind. Aber jetzt entsteht etwas Neues, das absolut schwer zu durchschauen ist. Die selbst ernannten „Querdenker“ sind eine sehr diffuse Bewegung, da kommen ganz unterschiedliche politische Strömungen und Extremismen zusammen. Rechtsextreme versuchen diese Bewegung zu kapern – aber so leicht ist das offenbar nicht.

Können Sie sich diese Mischung erklären? Impfgegner, Reichsbürger, Rechtsradikale – was eint diese Gruppen aus ihrer Sicht?

Es ist der Widerstand gegen einen Staat, der seine Bürger angeblich unterdrückt, ihnen durch die angeblich geplante Implantation von Mikrochips an die körperliche Unversehrtheit will. Das ist das Narrativ. Wie bei jeder extremistischen Bewegung ist es auch hier so, dass die Leute durch eine angebliche existenzielle Bedrohung mobilisiert werden. Mit der angeblichen Bedrohung kann dann alles gerechtfertigt werden: Missachtung staatlicher Vorgaben, Demonstrationen trotz Verbot – und letztlich auch Gewalt. Deshalb halte ich die Bewegung für gefährlich.

Politiker fordern, dass der Verfassungsschutz die „Querdenken“-Bewegung im Blick behalten soll. Halten Sie das für angesagt?

Fast alle terroristischen Gruppen, mit denen wir es in Deutschland in den letzten Jahrzehnten zu tun hatten, sind Abspaltungen von größeren radikalen Bewegungen. Die RAF etwa war ein Randprodukt der 68er-Studentenbewegung.

Und Sie befürchten, dass es so eine gewaltbereite Abspaltung auch bei den „Querdenkern“ geben könnte? Eine Art Corona-RAF?

Diese Gefahr besteht. Es könnte durchaus eine kleine extremistische Minderheit geben, die ins Gewaltbereite abdriftet. Und alleine weil diese Gefahr besteht, halte ich eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden für geboten. Der Verfassungsschutz soll ja ein Frühwarnsystem sein.

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