München – Ugur Sahin ist nicht nur ein renommierter Forscher und erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein Mann mit diplomatischem Feingefühl. Der Mitbegründer des Mainzer Pharmaunternehmens Biontech ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner, meist geht es um den Aufstieg seiner Firma und den weltweit begehrten Corona-Impfstoff. Immer stärker rückt aber noch ein anderes Thema in den Vordergrund: Wann der in Deutschland entwickelte und von der Bundesregierung geförderte Impfstoff denn auch in großer Zahl in Deutschland ankommt.
Sahin hat sich zu dieser Frage nun in einem Spiegel-Interview geäußert. Seine Wortwahl ist milde, aber unmissverständlich. Der aktuelle Mangel, sagt er, hänge nicht zuletzt mit der Einkaufspolitik der EU zusammen, die „nicht so schnell und geradlinig“ verlaufe, was auch mit dem Mitspracherecht der einzelnen Mitgliedsstaaten zu tun habe. „Es gab die Annahme, dass noch viele andere Firmen mit Impfstoffen kommen. Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle.“ Sahin konnte diese Haltung von Anfang an nur schwer nachvollziehen: „Mich hat das gewundert.“
Biontech arbeitet derzeit unter Hochdruck am Aufbau neuer Produktionskapazitäten. „Momentan sieht es nicht rosig aus“, gibt Sahin zu bedenken. „Es entsteht ein Loch, weil weitere zugelassene Impfstoffe fehlen und wir mit unserem Impfstoff diese Lücke füllen müssen.“ Deutschland werde „genug Impfstoff bekommen“. Über den Zeitpunkt äußert er sich vage. Er glaube, „dass wir in Deutschland in den kommenden Monaten die fragilsten Gruppen gut abdecken können, vor allem die Ältesten“.
Ende Januar soll absehbar sein, wie stark man die Kapazitäten kurzfristig ausweiten kann. Sahins Ehefrau Özlem Türeci, Mitbegründerin und Chefmedizinerin von Biontech, sagte, man habe bereits „fünf Hersteller in Europa beauftragt“, um die Produktion zu unterstützen. „Weitere Verträge sind in Verhandlung.“ Der jüngsten Anregung aus der Politik, durch das Erteilen von Lizenzen an andere Pharmaunternehmen die Prozesse zu beschleunigen, erteilte Sahin eine höfliche Absage: Die Herstellung von Vakzinen sei „alles andere als trivial. Da kann man nicht einfach umschalten, so dass statt Aspirin oder Hustensaft plötzlich Impfstoff hergestellt wird.“