Washington – Die Kugel traf die siebenjährige Kennedy Maxie in den Hinterkopf, als sie in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia mit Mutter und Tante im Auto zu Weihnachtseinkäufen fuhr. Das afroamerikanische Mädchen wurde zum unbeteiligten Opfer eines Streites von bewaffneten Schwarzen. Der Tod von Kennedy Maxie war den örtlichen Medien nur eine kurze Notiz wert. In Atlanta gab es 2020 so viele Morde wie zuletzt 1998.
Doch die Politik nahm Kenntnis von der Bluttat. Denn in Georgia herrscht immer noch Wahlkampf: Am 5. Januar finden dort Stichwahlen um zwei der 100 Senatssitze in Washington statt. Und bei dieser Abstimmung entscheidet sich, ob Joe Biden über eine nahezu unbeschränkte Machtfülle verfügen wird – oder gegen einen republikanisch dominierten Senat regieren muss. Welche realen Folgen dies haben kann, kann Biden bei seinem Ex-Chef Barack Obama erfragen. Dieser regierte die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit mit einem von Demokraten beherrschten Kongress und konnte sein wichtigstes Projekt – die Gesundheitsreform „Obamacare“ – verabschieden. Danach kam außer zahlreichen Exekutiv-Verfügungen Obamas aufgrund der Blockadehaltung der Republikaner nicht mehr viel.
Der Wahlkampf wird deshalb mit besonderer Radikalität und Rekordausgaben geführt. Lügen wie Verdrehungen gehören auf beiden Seiten dazu. So behauptete die konservative Senatorin Kelly Loeffler, ihr Gegenkandidat Raphael Warnock – ein afro-amerikanischer Pfarrer – wolle den Bürgern den Besitz von Pistolen, Revolvern und Gewehren verwehren. Warnock wiederum beruft sich unter anderem auf den Tod von Kennedy Maxie und sagt, er wolle „sinnlose Schusswaffengewalt reduzieren“. Wie er dies erreichen will und ob er tatsächlich eine Waffen-Konfiszierung oder schärfere Besitzgesetze plant, darüber schweigt sich Warnock aus.
Für die Demokraten geht neben Warnock auch der erst 33-jährige Dokumentarfilmer Jon Ossoff ins Rennen, der vor allem für Klimaschutz und eine erschwingliche Krankenversicherung wirbt und in erster Linie junge Wähler anspricht.
Die Stimmung vor Ort ist auch deshalb so aufgeheizt, weil Donald Trump Anfang November die Mehrheit in Georgia knapp verlor, aber weiterhin von „Wahlbetrug“ redet. Die Demokraten wittern derweil die Chance, den Republikanern durch den Gewinn der kleineren Senatskammer – im größeren Repräsentantenhaus haben sie trotz unerwarteter Verluste weiter die Mehrheit – einen weiteren Tiefschlag zu versetzen. Und weil es um so viel geht, betreibt natürlich auch Trump in Georgia Wahlkampf. Gegen eine „radikale sozialistische Agenda“ stünden nur er und die beiden Bewerber Kelly Loeffler und David Perdue. Letzterer ist wegen Kontakt zu einem Corona-Infizierten derzeit allerdings in Quarantäne.
2016 gewann der Präsident vor allem deshalb gegen Hillary Clinton, weil er mehr Wähler in den Vorstädten der Metropolen ansprach als die Demokratin. Doch das Blatt hat sich gewendet. Trump verlor Analysen zufolge diese Wähler vor allem in den wichtigen und heiß umkämpften „Swing States“ wie Pennsylvania, Michigan, Wisconsin – und auch Georgia. Und das kostete ihn am Ende den Sieg. F. DIEDERICHS