Klimaschützer Biden setzt auch auf Atomkraft

von Redaktion

In den USA sollen 2021 mehr Reaktoren denn je abgeschaltet werden – ein Faktor in der Energiepolitik bleiben sie aber

München – Die Ziele sind ehrgeizig. Unter der Führung von Joe Biden wollen die USA nicht nur zurück auf den Weg des Klimaschutzes finden, sondern sich an die Spitze der Bewegung setzen. Bis 2050, so plant es der neue US-Präsident, soll das Land klimaneutral werden.

Dafür soll, neben der Abkehr von der unter Donald Trump noch protegierten Öl- und Gasindustrie, auch die Stromversorgung radikal umgestellt und der Anteil erneuerbarer Energien ausgebaut werden. Ganz ohne Kompromisse wird das freilich nicht möglich sein. In Bidens Programm wird auch Kernenergie eine Rolle spielen.

Ein Vorteil der Energiequelle Kernkraft ist, dass sie keine Treibhausgase produziert. Weil zudem der Anteil an Sonne-, Wind- und Wasserkraft auf absehbare Zeit zu gering sein wird, um den riesigen Energiebedarf des Landes zu stillen, dürften die großen Reaktoren so schnell nicht aus dem Fokus der US-Politik verschwinden. Bereits im Wahlkampf kündigte Biden den Aufbau einer Agentur an, die die Zukunft der Kernenergie ausleuchten soll. Auch die Republikaner stehen den Plänen aufgeschlossen gegenüber.

Ein Analystenkommentar der Bank of America ging diese Woche davon aus, dass die für die nächsten zehn Jahre geplante Schließung amerikanischer Atomkraftwerke sich verzögern könnte. Die Einschätzung trieb die Aktien eines kanadischen Uran-Unternehmens zeitweise um bis zu 22 Prozent ins Plus.

Für 2021 ist in den USA aktuell geplant, fünf Reaktoren abzuschalten – ein Rekordwert. Umgekehrt soll in diesem und dem nächsten Jahr im Bundesstaat Georgia jeweils eine neue Anlage den Betrieb aufnehmen. Weitere Neubauten sind danach nicht in Sicht.

Zumindest keine, die den bisherigen Vorstellungen von Kraftwerken entsprechen. Die Hoffnungen der Branche ruhen mittlerweile auf kleineren Einheiten (Small Modular Reactors), die günstiger sind und zum Teil vor Ort nur noch zusammengesetzt werden müssen. Bei einem der Anbieter, der Firma TerraPower im Bundesstaat Washington, ist Microsoftgründer Bill Gates einer der Hauptinvestoren. Bis 2025 soll ein Forschungsreaktor entstehen. Ein weiterer Kandidat, das Start-up Oklo, plant Mini-Kraftwerke von der Größe eines Einfamilienhauses, die mit Atommüll betrieben werden und 1,5 Megawatt Energie erzeugen sollen – genug für rund 1000 Haushalte.

Die neue Vizepräsidentin Kamala Harris sagte im Herbst, dass sie „vorübergehend“ eine Stärkung der Atomkraft befürworte. Mit einer klaren Einschränkung: „Während wir die Investitionen in sauberere, erneuerbare Energien erhöhen.“

In Berlin werden solche Töne aufmerksam wahrgenommen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sprach neulich von den Hoffnungen, die man klimapolitisch wieder in die USA setzt. Die Ansichten zur Stromversorgung aber gehen weit auseinander. Das Ziel, kleine Reaktoren als Zukunftstechnologie zu etablieren, bezeichnete Schulze als „Illusion“. MARC BEYER

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