Wie wichtig ist die zweite Impf-Dosis?

von Redaktion

Vakzin für zwei Millionen Menschen auf Lager: Könnte man mehr Menschen versorgen?

München – Der Impfstoff ist knapp und bei der Terminvergabe gibt es immer wieder Probleme: Die Impfungen kommen nur schleppend voran. Zweieinhalb Millionen Menschen haben bislang eine erste Dosis erhalten – das sind 2,9 Prozent der Bevölkerung. Die Ungeduld wächst – vor allem mit Blick auf andere Länder: Zu den Spitzenreitern zählt Großbritannien, wo bereits mehr als zwölf Millionen Menschen geimpft wurden – das sind etwa 18 Prozent.

Die Statistik hat aber einen Haken – denn für einen umfassenden Schutz ist eine Zweitimpfung nötig. Und hier liegt Deutschland sogar vor Großbritannien: Während bereits rund 980 000 Deutsche eine zweite Dosis bekommen haben, sind gerade mal 512 000 Briten vollständig geimpft. Die beiden Strategien werfen auch unter Experten die Frage auf: Sollte man die zweite Dosis zurückhalten – oder lieber möglichst viele Menschen mit der ersten Impfung versorgen?

Christoph Spinner, Chefinfektiologe des Uniklinikums rechts der Isar, hat vor allem wegen der bisherigen Lieferprobleme Bedenken: „Wir wissen nicht eindeutig, ob derzeit ausreichend Impfdosen nachgeliefert werden“, sagt er. „Es wäre etwas anderes, wenn wir darauf vertrauen könnten.“

Auch der Virologe Uwe Gerd Liebert meint: „Mit der ersten Impfung erreicht man zwar zumindest eine Teil-Immunität.“ Nach Experten-Schätzungen liegt die Wirksamkeit der Vakzine nach einer Dosis bei 50 bis 60 Prozent. „Aber damit wächst das Risiko, dass Varianten des Virus entstehen. Mit der zweiten Impfung haben wir jedoch die Möglichkeit, den Menschen einen fast vollständigen Schutz zu bieten.“

Bislang wurden laut Bundesgesundheitsministerium 5,3 Millionen Impfdosen geliefert – zwei Millionen davon werden noch gelagert. Liebert: „Es gibt keine eindeutige Vorgabe, ob und wie viel Impfstoff zurückgehalten werden soll.“ Die Entscheidung liege bei den Bundesländern. Auch in Deutschland seien viele Experten der Meinung, dass man mit möglichst vielen Erstimpfungen eine Herdenimmunität erreichen könne. „Diese Strategie kann man etwa in Mecklenburg-Vorpommern erkennen‘“, sagt Liebert. „Aber da sehe ich die Gefahr, dass für die Zweitimpfung nicht genug Dosen vorhanden sein könnten.“

Der Infektiologe Peter Kremsner leitet die Studie des Impfstoffs Curevac an der Uni-Klinik Tübingen und findet: „Ich würde es bevorzugen, dass wir den verfügbaren Impfstoff nutzen, um so vielen älteren Menschen wie möglich zumindest eine Erstimpfung zu geben.“ So könne man immerhin schwere Verläufe verhindern.

Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass Bayern erwägt, nun doch weniger als 50 Prozent vom Biontech-Impfstoff zurückzuhalten und mehr Tempo beim Impfen zu machen. „Wir müssen das System modellieren.“ Gleichzeitig werde er die Reserve so groß halten, dass nie die Gefahr einer Impfpause bestehe. Das Thema ist heikel, denn Mitte Januar hatte Holetschek schon mal diesen Strategiewechsel angekündigt – und war dann kalt erwischt worden, als Biontech über Nacht seine Lieferzusagen einkassierte. Er sei jetzt „natürlich wieder vorsichtiger geworden“, sagt der Minister.   kab, cd, bez

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