München – Es klang wie eine Warnung vor Unheil in weiter Ferne. Letzten Freitag wiesen Robert-Koch-Institut und Bundesregierung neue Mutationsgebiete aus, wie jede Woche. Botsuana, Malawi, Mosambik, Sambia und Simbabwe, nicht jeder würde das sofort auf der Karte finden. Heute dürfte es einfacher werden – und näher: Nach übereinstimmenden Informationen aus Berlin und München werden heute mit Wirkung Sonntag Tirol und die tschechischen Grenzregionen in die höchste Viren-Alarm-Stufe eingeordnet.
Das heißt: Die Schlagbäume gehen runter. Jeder, ohne Ausnahme auch Pendler und Familienangehörige, muss vor der Einreise nach Deutschland einen frischen negativen Corona-Test vorlegen und fünf bis zehn Tage in Quarantäne gehen. Für Regionen, die so eng verwoben sind wie Ostbayern mit Tschechien und Südoberbayern mit Tirol, ist das ein drastischer Schritt. Zudem soll das scharf kontrolliert werden. In Vorgesprächen mit dem Bundesinnenministerium und Kanzleramt hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Rückkehr der Grenzkontrollen ausverhandelt. Man brauche dann umgehend „stationäre Grenzkontrollen“, sagt er auch am Donnerstag vor den Kameras. Dazu müsse es auch „Zurückweisungen“ geben. Am Abend bestätigte das Innenministerium Grenzkontrollen ab Sonntag.
Kalt erwischt werden Tirol mit der südafrikanischen und Tschechien mit der britischen Mutation davon nicht. In beiden Ländern habe Bayern interveniert und um mehr Schutz gebeten, heißt es aus der CSU. Das soll zäh gewesen sein: Tirol liegt deshalb eh im heftigen Clinch mit der Wiener Bundesregierung; Tschechien kommt mit dem Mutations-Sequenzieren kaum hinterher. Trotzdem haben beide Länder Maßnahmen ergriffen. Beim Verlassen Tirols gilt eine Testpflicht, egal in welche Himmelsrichtung. Tschechien riegelt die drei Bezirke Cheb (Eger) und Sokolov (Falkenau) an der Grenze zu Bayern sowie Trutnov (Trautenau) im Dreiländereck zu Polen und Sachsen seit heute Nacht kategorisch ab.
Bayern versucht einen Kompromiss, die Grenze nicht ganz dicht zu machen. Auch aus Eigeninteresse: Ärzte und Pfleger aus Ostbayern erzählen, bis zu einem Drittel ihrer Kollegen seien Tschechen. Auf bayerischer Seite gilt in fast allen Grenzlandkreisen zwischen Hof und Cham, dass Einpendler nur noch direkt zur Arbeit fahren dürfen. Betriebe mit mehr als fünf Mitarbeitern aus Tschechien brauchen ein eigenes Hygienekonzept und ein Testkonzept für alle Angestellten. Die Strafen sind saftig: bis zu 25 000 Euro.
Dazu kommt, dass sich die Ministerpräsidenten über Parteigrenzen hinweg absprechen. Sachsen plant ein ähnliches Modell für Pendler aus Tschechien. Ausnahmen vom Pendler-Stopp soll es nur im Bereich der Krankenhäuser und Heime sowie in der Landwirtschaft geben – und da vor allem bei der Versorgung von Tieren. Tägliche Tests sollen Pflicht werden. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) stellt sich hinter die Option Grenzkontrollen und sogar -schließungen nötigenfalls zu Frankreich und zur Schweiz. Er kündigt auch Absprachen mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland an.