Gerüstet für den Impf-Ansturm?

von Redaktion

VON SEBASTIAN HORSCH

München – Im Advent lagen in einigen oberbayerischen Kreisverwaltungsbehörden die Nerven blank. Bis zum 15.  Dezember müssen die Impfzentren fertig sein, lautete die Ansage aus dem Ministerium. Betreiber für die Logistik wurden gesucht. Zum Zeitdruck kamen die juristischen Fallstricke beim Vergaberecht. Pandemie hin oder her – danach soll schließlich keiner klagen können. Am Ende stand alles. 6300 Ärzte meldeten sich bayernweit freiwillig zum Dienst. Es konnte losgehen. Nur der Impfstoff fehlte.

Heute sind zwar mit Biontech, Moderna und Astrazeneca bereits drei Vakzine gegen das Coronavirus auf dem Markt. Doch noch immer stehen in ganz Deutschland viel weniger Dosen zur Verfügung als erhofft. Nur knapp 1700 der freiwilligen bayerischen Ärzte wurden somit im Januar für den Impfdienst gebraucht. Und während in Talkshows noch gestritten wird, ob für die Beschaffungsprobleme die EU verantwortlich ist, das Kanzleramt oder eigentlich gar niemand, droht im Frühjahr schon das nächste Problem.

Mehr als 40 000 Impfungen schaffen Bayerns Impfzentren täglich. Nur rund ein Drittel dieser Kapazitäten wird derzeit ausgeschöpft. Doch schon bald sollen deutlich mehr Dosen zur Verfügung stehen und die Auslastung erhöhen. In einem weiteren Schritt sollen dann nach Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums bis im Sommer allein im Freistaat mehr als 100 000 Impfungen pro Tag möglich sein. Die Bundesregierung befürchtet allerdings, dass die Impfzentren für so viele Patienten gar nicht ausgelegt sind. Es könnte also plötzlich mehr Impfstoff da sein, als gespritzt werden kann.

Schon jetzt stellt die fehlende Planbarkeit die Betreiber der Impfzentren vor große Herausforderungen. Manche vermissen eine konkrete Strategie, wie der bald stark steigende Andrang bewältigt werden soll. Zudem gibt es Befürchtungen, die Terminsoftware BayIMCO könnte einer so großen Kapazitätsausweitung nicht gewachsen sein.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sieht darin keine Gefahr. „Die zentrale IT-Lösung BayIMCO kann die geplante Kapazitätsausweitung problemlos verarbeiten“, sagt er unserer Zeitung. Wichtiger sei, dass regionale Pläne, die Kapazitäten auszubauen auch zur gesamten Impfstofflogistik und Impfplanung passen. Der Minister blickt positiv auf die kommenden Wochen. „Mit den angekündigten deutlich erhöhten Impfstofflieferungen können unsere Impfzentren endlich einen Gang hochschalten und die Impfungen in Bayern noch weiter beschleunigen“, sagt Holetschek. Sein Ministerium erklärt zudem, dass die Kapazität kurzfristig noch weiter gesteigert werden könne. Man habe die 100 Impfzentren im Freistaat auf „aktuelle Lieferprognosen der Hersteller“ hingewiesen und empfohlen, die Impfkapazität „bei Bedarf kurzfristig zumindest auf durchschnittlich über 800 Impfungen pro Tag“ zu steigern. Zudem setzt die Staatsregierung auf die bayerischen Haus- und Fachärzte. „Je früher die Arztpraxen bei den Corona-Impfungen helfen, desto besser“, sagt Holetschek. „Aber dafür muss zunächst genug Impfstoff da sein.“ Pilotprojekte gibt es bereits, weitere seien geplant, heißt es aus dem Ministerium. Allerdings sind nicht alle Corona-Impfstoffe aufgrund ihrer Anforderungen gleich gut für den Einsatz in den Praxen geeignet.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) wünscht sich ebenfalls, dass möglichst bald auch in Haus- und Facharztpraxen geimpft wird. Einige Voraussetzungen sollten aber erfüllt sein, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. Die Logistik für die Impfstoffverteilung müsse stehen und die Versorgung dauerhaft gesichert sein. Die Eintragung in den Impfpass müsse bürokratiearm gestaltet sein, fordern die Kassenärzte. Zudem müsse klar sein, wer Anspruch hat. Die Impfpriorisierung dürfe also nicht ins Behandlungszimmer verlegt werden. Und: Den Ärzten dürfe keine Gefahr von Regressen entstehen.

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