Impfstoff mit Imageproblem

von Redaktion

Das Astrazeneca-Präparat stößt auf massive Vorbehalte – ein Experte empfiehlt es dennoch

München – Abstand zu halten, ist wichtig, aber so viel freier Raum war selbst Monika Bachmann zu viel. Als die saarländische Gesundheitsministerin am Montag von einer Veranstaltung am Wochenende berichtete, konnte sie ihren Ärger nicht verhehlen. Bei einem Corona-Impftermin unter Angehörigen der Gesundheitsberufe sei mehr als die Hälfte der 200 Angemeldeten nicht erschienen. Bachmann führt das darauf zurück, dass der Impfstoff von Astrazeneca verabreicht werden sollte. Und dass der einen Wirkungsgrad von nur 70 Prozent habe.

Das britisch-schwedische Präparat hat ein Imageproblem, nicht erst seit dem Streit mit der EU über verzögerte Lieferungen. Die Zahl 70 spielt eine zentrale Rolle. Weil die Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna auf 95 Prozent kommen, kann der Eindruck entstehen, das Astrazeneca-Vakzin sei ein Impfstoff zweiter Klasse. Hinzu kommt, dass die anderen uneingeschränkt zugelassen sind, der von Astrazeneca hingegen in einigen Ländern, auch Deutschland, nur bis 65 Jahre. Jenseits dieser Grenze gibt es kaum Daten.

Bachmann kennt diese Vorbehalte. Sie berichtete etwa von der Beschwerde eines Zahnarztes, er arbeite in einem hochsensiblen Beruf und wolle nicht mit der „schlechtesten Impfung“ behandelt werden. Die Ministerin verweist darauf, dass das Astrazeneca-Produkt „zugelassen und gut“ sei und eine Impfung angesichts der Knappheit der Vakzine „kein Wunschkonzert“. Andererseits ist ihr aus anderen Bundesländern von ähnlichen Erfahrungen berichtet worden. Und gestern legte auch noch die Gewerkschaft der Polizei nach. Nur „der bestmögliche Impfstoff“ solle verwendet werden und „nicht der, der am billigsten oder gerade verfügbar ist, weil er anderweitig Akzeptanzprobleme hat“.

Christoph Spinner muss sich sehr wundern, wenn er diese Geschichten hört. Der Infektiologe vom Klinikum rechts der Isar weist darauf hin, dass die viel zitierten 70 Prozent – die EU-Arzneimittelbehörde spricht gar von 60 – in die Irre führen. Sie bezögen sich auf einen leichten bis mittelschweren Verlauf. Vor schweren Erkrankungen oder dem Tod – „und darum geht es doch“ – schütze Astrazeneca hingegen „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“.

Spinner empfiehlt das Produkt mit Nachdruck: „Jede Impfung ist besser als keine.“ Auch wenn die Vakzine weiter knapp sind, werde es zudem nicht mehr lange dauern, bis sie in großer Zahl vorliegen. Man könne sich deshalb jetzt mit Astrazeneca immunisieren lassen „und irgendwann mit einem zweiten Stoff“. Dass in ein paar Monaten Wahlfreiheit bestehen könnte, hat Gesundheitsminister Jens Spahn bereits in Aussicht gestellt.

So weit sind andere Länder noch lange nicht. Südafrika wäre schon froh, wenn es überhaupt mal seine Impfkampagne starten könnte. Doch obwohl am Kap immer mehr Infektionen durch die neue, deutlich aggressivere Mutation auftreten, hat die Regierung den Beginn verschoben und will nun eine Million Astrazeneca-Dosen zurückschicken. Eine Studie hatte ergeben, dass das Mittel ausgerechnet gegen die südafrikanische Variante wenig Schutz bietet.

Christoph Spinner sieht auch diese Entscheidung skeptisch. Die Frage, „ob das Mittel einen schweren Verlauf verhindert“, sei außer Acht gelassen worden. Wie all das auf die Öffentlichkeit wirkt, ist ihm gleichwohl bewusst: „Ich verstehe, dass die Leute verunsichert sind. Und jetzt wird es noch komplizierter.“ MARC BEYER

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