Eine Debatte ohne Zwischentöne

von Redaktion

Astrazeneca-Impfstoff droht zum Ladenhüter zu werden – der Gesundheitsminister ist alarmiert

München – Nirgendwo ist die Lage so eindeutig wie in Berlin. In der Hauptstadt herrscht, was Corona-Impfungen betrifft, schließlich Wahlfreiheit: Jedes Impfzentrum verabreicht nur das Produkt eines Herstellers. Wer etwa dem Mittel von Biontech und Pfizer das größte Vertrauen schenkt, sucht sich ein entsprechendes Zentrum aus. Diese Praxis sorgt dafür, dass sich die Akzeptanz eines Vakzins mit Zahlen belegen lässt – aber umgekehrt auch ein Mangel an Vertrauen. Die stetig anschwellende Skepsis gegenüber Astrazeneca spiegelt sich in Berlin klar wieder. Von 30 000 Dosen waren bis Dienstag ganze 990 verimpft.

Die traurige Statistik liegt im Trend. In Niedersachsen waren bis Dienstag von 72 000 Dosen erst 8806 verwendet, bundesweit sind es 90 000 von 740 000. NRW (34 124) gehört neben Bayern (12 092) noch zu den Ländern, die etwas großzügiger zu Astrazeneca greifen.

Die Debatte ist mittlerweile so aufgeheizt, dass sich gestern der Gesundheitsminister um Abkühlung bemühte. Man müsse aufpassen, dass man sich als Gesellschaft nicht „in etwas hineinrede“ und eine Impfung mit einem zugelassenen, wirksamen Präparat infrage stelle, warnte Jens Spahn. Das konnte man als Wink an die Adresse von Frank Ulrich Montgomery verstehen, dem Vorsitzenden des Weltärztebundes, der Astrazeneca scharf kritisiert hatte („geringere Wirksamkeit lässt sich nicht wegdiskutieren“) und für Menschen mit hohem Infektionsrisiko andere – sprich: bessere – Mittel gefordert hatte.

Umgekehrt ging auch vom Virchowbund, dem Verband der niedergelassenen Ärzte, gestern nicht gerade ein Signal der Deeskalation aus, als dessen Vorsitzender Montgomery vorwarf, durch das Schlechtreden eines Vakzins indirekt Mitschuld an Corona-Toten zu tragen. Zur Verunsicherung der Bürger trägt darüber hinaus bei, dass zuletzt häufiger Meldungen zu Impfreaktionen wie Fieber kursierten. Das, erinnerte Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz allerdings, sei bei Biontech/Pfizer und Moderna anfangs nicht anders gewesen: „Doch diese Stimmen wurden kaum wahrgenommen.“

Corona-Impfungen bleiben ein sensibles Thema, und das nicht nur in Deutschland. Auch bei der EU ist man sichtlich auf eine bessere Außendarstellung bedacht. Es gibt einen Nachholbedarf, was die Impfbestellungen und auch deren Bekanntmachung betrifft. Gestern teilte die seit Wochen heftig kritisierte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit, dass man einen weiteren Vertrag mit dem US-Konzern Moderna abgeschlossen habe. 150 Millionen zusätzliche Dosen sollen im dritten und vierten Quartal kommen, auf weitere 150 Millionen wurde für nächstes Jahr eine Option vereinbart. Das Gesamtvolumen aller Verträge mit den Herstellern liege bei 33 Milliarden Euro.

Die Zahlen sollen belegen, dass man in Brüssel verantwortungsbewusst und mit der nötigen Schlagkraft agiert. Dazu passt, dass es ein beschleunigtes Zulassungsverfahren für neue Impfstoffe geben soll und einen Etat für die Erforschung und Beobachtung neuer Corona-Mutationen. Angestrebtes Volumen: 225 Millionen Euro. mb

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