Schweinfurt – Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 5,6 weist die Stadt Schweinfurt seit einigen Tagen bundesweit den niedrigsten Wert auf. In einer Videokonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Markus Söder am Freitag möchte Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) deshalb für bayernweite Lockerungen plädieren.
Herr Remelé, wie ist das, Oberbürgermeister der Stadt mit der niedrigsten Inzidenz zu sein?
(lacht) Da halten sich Freude und Stolz mit Bescheidenheit und Vorsicht die Waage. Wir freuen uns über die Spitzenposition, erinnern uns aber auch, dass wir mal zu den Kommunen mit der höchsten Inzidenzzahl gehört haben.
Wie haben Sie es von einer Inzidenz von über 200 im November zu so wenigen Neuinfektionen geschafft?
Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Maßnahmen, die der Freistaat und die einzelnen Kommunen – teilweise haben wir im Lokalen nachgesteuert – verhängt haben, schlicht und ergreifend wirken.
Warum läuft es in Ihrer Stadt besonders gut?
Inzwischen haben wir viele Pflegeheime ein zweites Mal durchgeimpft. Dazu kommt, dass wir eine Stadt mit relativ alter Bevölkerung sind, die zum Teil ohnehin in einer Art Quarantäne lebt. Viele wohnen alleine, womit ein gewisser Schutz gegeben ist. Aber das sind nur Erklärungsversuche.
Wie Sie angesprochen haben, wurde zusätzlich zu den Maßnahmen in Bayern auf kommunaler Ebene nachgesteuert. Wie hat sich das ausgewirkt?
Wir haben ein Maskengebot in der Innenstadt verhängt, dazu ein Alkoholverbot an bestimmten Plätzen. Ich bin der Meinung, dass diese Maßnahmen auch einen psychologischen Effekt haben; dass die Menschen insgesamt vorsichtiger sind und hochfrequentierte Plätze meiden.
Hat die Bevölkerung noch Verständnis für diese strikten Regeln?
Es ist deutlich zu spüren, dass ein Teil der Bevölkerung erwartet, dass jetzt die Belohnung erfolgt. Insbesondere der Einzelhandel hofft auf Öffnung, wenn auch vielleicht in eingeschränktem Umfang. Solche Anfragen erreichen uns derzeit verstärkt.
Sehen Sie regionale Lockerungen als Option?
Das kommt darauf an, wie regional so eine Lockerung aussehen würde. Wenn wir den Forderungen nachgeben und den Einzelhandel wieder öffnen, hätte das mit Sicherheit einen Sogeffekt. Viele, viele Menschen würden nach Schweinfurt kommen und die Infektionszahlen wieder hinauftreiben. Deswegen muss man mit solchen Insellösungen sehr aufpassen. Das kann man idealerweise nur bayernweit regeln. Aber erste Lockerungen haben wir ja auch schon zugelassen und das Maskengebot in der Innenstadt aufgehoben.
Was halten Sie von der Inzidenz-Politik?
Wir sollten uns trauen, nicht nur auf Inzidenzwerte zu schauen, Man sollte den Blick weiten, was das Gesundheitssystem regional zu leisten vermag, damit wir uns nicht ausschließlich nach dem willkürlichen wirkenden Wert von mittlerweile 35 richten. Das knebelt uns stark.
Am Freitag findet eine Videoschalte mit Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn, Markus Söder sowie Landräten und Oberbürgermeistern aus Bayern statt. Wie stehen Sie dazu?
Es ist zumindest eine Möglichkeit des Austausches. Ich finde es wichtig, dass sich die Bundesregierung den Report aus den Kommunen, wo das Ganze stattfindet, einholt. Ich versuche, für den Einzelhandel und die Gastronomie eine Lanze zu brechen, ob man sich da nicht Lockerungen – idealerweise landesweit – vorstellen kann. Mich erreichen Klagen realer Existenzgefährdung, und auf die muss man ab März auch reagieren.
Was müsste passieren, dass Sie die Videoschalte als Erfolg verbuchen?
Es geht zunächst darum, der Bundeskanzlerin zu vermitteln, wie die Lage in den Kommunen ist. Dann muss sich die Regierung ein Gesamtbild machen, um einen Maßnahmenkatalog zu schnüren, der zwischen gebotener Vorsicht und Lockerung einen gangbaren Mittelweg findet. Interview: Julian Nett