München – In Sachsen sind in dieser Woche noch mehr als 2500 Impftermine frei. Und auch in Bayern wurden bisher laut „Business Insider“ nur rund 7 Prozent der 112 800 an den Freistaat gelieferten Astrazeneca-Dosen verimpft. Bundesweit waren es laut Robert Koch-Institut 107 000 von rund 740 000 ausgelieferten Dosen.
Den Astrazeneca-Impfstoff erhalten in Deutschland ausschließlich unter 65-Jährige- – und damit derzeit Ärzte, Pflegekräfte und Klinikpersonal. Die Gründe für deren offensichtliche Zurückhaltung liegen mutmaßlich in der im Vergleich zum Biontech- und Moderna-Impfstoff niedrigeren Wirksamkeit. Dazu kommen Berichte über Nebenwirkungen, die Virologen allerdings als erwartbare und kurzzeitige Impf-Reaktionen bezeichnen.
Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche macht zudem eine „fatale Kommunikation“ dafür verantwortlich, dass sich „sogar unter Gesundheits- und Pflegefachpersonal“ Skepsis gegenüber Astrazeneca ausbreite. Es werde zu wenig erklärt und über die Wirksamkeit würden „Schauergeschichten“ erzählt, sagte sie der „Welt“. Auch die FDP beklagt eine schlechte Kommunikation der Bundesregierung. Große Ärzte-Organisationen riefen die Pflegekräfte eindringlich auf, sich impfen zu lassen: Alle zugelassenen Impfstoffe, auch der von Astrazeneca, „helfen, schwere Krankheitsverläufe und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden“.
Auch in Bayerns Kliniken sei die Diskussion über die Medien angekommen, sagte Roland Engehausen unserer Zeitung. Der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) ist aber der Meinung: „Der Astrazeneca-Impfstoff wird angenommen.“ In dieser Woche seien bereits 4000 Dosen davon in Bayerns Kliniken verimpft worden. Auch gebe es keine Rückmeldung eines Krankenhauses, das diesen Impfstoff nicht wolle. „Im Gegenteil“, sagt Engehausen. Laut Gesundheitsministerium sind in Bayerns Krankenhäusern bislang 76 Prozent des medizinischen Personals in der höchsten Priorisierungsstufe geimpft. In den Alten- und Pflegeheimen sind 47 Prozent der Belegschaft geimpft.
Um Vorbehalte auszuräumen, fordert Michael Theurer, FDP-Fraktionsvize im Bundestag, dass sich Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier öffentlich impfen lassen. Die Kanzlerin will das allerdings erst, wenn sie nach den beschlossenen Kriterien an der Reihe ist. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen will sich kommende Woche mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen – nicht als Politiker, sondern weil er als Impfarzt arbeiten wird. Er wolle „ein klares Bekenntnis zu Astrazeneca abgeben“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Das ist ein sicherer und guter Impfstoff.“
Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung fürchtet bereits, dass breite Vorbehalte gegen Astrazeneca den Impfzeitplan um mehrere Wochen zurückwerfen könnten. kr/hor