War früher wirklich alles besser? Viele Ältere meinen das und in manchen Dingen mag es ja auch stimmen. Was aber auf jeden Fall heute besser ist als früher, ist die Freiheit des Umgangs miteinander.
Mit mehr Zeit zu Hause fällt mir aus der hintersten Ecke des Bücherschranks das „Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte“ in die Hand. Eine Constanze von Franken hat es verfasst, vor dem Ersten Weltkrieg ist es erschienen. Ein Bestseller offenbar, denn ich habe die siebzehnte Auflage. Es ist ein Katechismus des angesagten Verhaltens in wirklich allen Lebenslagen.
Mit Kleidung, Essen und Körperpflege beginnt es. Dann kommt das richtige Grüßen und – sehr wichtig – das Besuch machen wie Besuch empfangen. Kam jemand neu in eine Stadt, wo er als junger Mann eine „Stellung“ erlangt hatte oder befördert war, so musste sonntags Besuch gemacht werden bei den Honoratioren am Ort, den Vorgesetzten und Kollegen. Ebenso bei Bekannten und Freunden, um sich ihnen als selbstständig vorzustellen.
Aus der meist gemieteten Kutsche ließ man eine Visitenkarte mit dem Vermerk „p.v. = pour visité“ dem Hausmädchen oder Diener der zu Besuchenden hineinreichen, um zu hören, ob die Herrschaften besuchsbereit sind. Wenn nicht, hatte man Glück, denn die etwas steife Besuchspflicht war mit Abgabe der Karte erfüllt. Solche Besuche aus Aufmerksamkeit hatten sich zu wiederholen bei besonderen Anlässen, um zu gratulieren oder zu kondolieren und vor einer Einladung in ein Haus, in dem man vorher noch nicht gewesen war.
Wahre Kopfstände verlangt Frau Constanze bei den Vorschriften für Anreden und Adressen. Dass Kinder ihre Eltern, Schwiegerkinder die Schwiegereltern, mit Sie anreden, findet sie schon etwas altmodisch. Aber generell will sie das Du nur in der engsten Familie und unter engen Freunden gleicher Gesellschaftsstellung anerkennen. Wer besonders höflich sein will, vermeidet dazu die direkte Anrede unter Fremden ganz und ersetzt das „Sie“ durch den Titel der angeredeten Person, zum Beispiel: „Wollen Herr Rat die Güte haben?“ oder „Darf ich fragen, wie gnädige Frau sich gestern auf dem Ball unterhalten haben?“
Natürlich weiß Constanze auch genau, welche Titel man sich zu merken hat. Alle souverän Regierenden, von denen es im Kaiserreich ja noch viele gab, sind „Hoheiten“, die Fürsten, werden angeschrieben als „Durchlauchtigster Fürst“. Und alle Personen von Stand mindestens als Seine oder Ihre „Hochwohlgeboren“.
Was aber unsere Constanze vom guten Ton nicht sehen wollte ist, dass dieses ganze Getue um die angeblich feine Sitte weder den Adel und auch die Arbeiterschaft nie bekümmert hat. Unter Standesgenossen galt immer das vertraute „Du“.
Und auf den Gütern bei allem institutionellem Abstand gab es den Landarbeiter, der seinen Fürsten vertraut mit „Du Fürst“ anredete. Und bei der unter Persönlichkeiten wie August Bebel auch im Reichstag starken Sozialdemokratie galt sowieso nur das Du unter Genossen. So begann die Befreiung von den Verrenkungen, die Constanze so wichtig waren.
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