Johnson: „Unlockdown“ bis Ende Juni

von Redaktion

VON BENEDIKT VON IMHOFF

London – Wer hören will, was für eine Freude eine Impfung gegen das Coronavirus ist, muss nur Boris Johnson zuhören. Kaum jemand spricht das Wörtchen „jab“ – englisch für Impfung – so lustvoll aus wie der britische Premierminister. Und Johnson spricht oft von „jabs“, denn die Impfkampagne, die seit zweieinhalb Monaten läuft, bestimmt die Schlagzeilen. Mittendrin: Boris Johnson. Oder auch: „Mr. Jab“.

Im Parlament verkündet der Premier gestern, wie der Ausstieg – der „Unlockdown“ – aus dem bereits dritten Lockdown vonstatten gehen soll. Umsichtig – fast könnte man sagen: staatsmännisch – geht Johnson vor. Auf wissenschaftliche Daten werde er hören, nicht auf Termine: „Data, not dates“.

Vier Stufen kündigt der Premier an, jeweils im Abstand von fünf Wochen – wenn die Infektionszahlen mitspielen. Bereits am 8. März sollen im größten britischen Landesteil alle Schulen wieder geöffnet werden. Auch soziale Kontakte sollen wieder mehr als bisher erlaubt sein.

Der nächste Schritt soll am 29. März erfolgen. Bis zu sechs Personen oder zwei Haushalte dürfen sich dann wieder im Freien treffen.

Vom 12. April an sollen Läden, Museen, Büchereien wieder Besucher empfangen dürfen. Auch Pubs und Restaurants sollen dann wieder öffnen, wenn auch nur für den Außenbetrieb.

Frühestens am 17. Mai sollen auch wieder Kinobesuche und Hotelübernachtungen möglich sein, sowie Vereinssport in Innenräumen. Bis zu 30 Menschen dürfen sich zu Veranstaltungen treffen. Eventuell könnten auch internationale Reisen erlaubt werden. Bis zu 10 000 Menschen könnten in Fußballstadien zusammenkommen.

Vom 21. Juni an hofft die Regierung dann, alle Einschränkungen aufheben zu können. Die Botschaft: Bis Ende Juni soll alles vorbei sein. Diese Entscheidung sei zwar „vorsichtig“, aber auch „unwiderrufbar“, sagt Johnson. Mittlerweile hat ein Drittel der Erwachsenen bereits die erste Impf-Dosis erhalten. Täglich kommen Hunderttausende hinzu.

Der Politologe Simon Usherwood glaubt dennoch, der Premierminister gehe mit diesem Plan ein hohes Risiko ein. „Er kann das ja wollen, aber er hat keine Möglichkeit, das zu kontrollieren“, sagt Usherwood. „Es muss nur eine neue Variante auftauchen, die immun gegen einen Impfstoff ist, und wir bekommen eine neue Corona-Welle.“ Und Großbritannien müsste wohl zum vierten Mal in den Lockdown. Doch auch Kritiker betonen, dass Johnson derzeit obenauf ist. Beim Erfolg des Impfprogramms sei durchaus Glück im Spiel, sagt Usherwood. Allerdings habe sich der Schachzug ausgezahlt, wie beim Poker „all in“ zu gehen.

Alle Impf-Entscheidungen, die Johnson getroffen hat, haben sich bisher als richtig entschieden: sowohl der frühe Start Anfang Dezember nach einer Sonderzulassung für das Mittel der Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer als auch die längere Zeitspanne zwischen den beiden Impfungen.

Dabei galt lange als äußerst unwahrscheinlich, dass aus Johnson einmal der gewissenhafte „Mr. Jab“ werden würde. Zu hemdsärmelig, zu unbedarft, zu erratisch war der Premier seit Beginn der Pandemie aufgetreten – und fand monatelang kein rechtes Maß. Versprochen, gebrochen: Immer wieder musste Johnson Versprechen zurücknehmen und härtere Maßnahmen durchsetzen als von ihm selbst angekündigt.

Inzwischen hat auch Johnson Erfahrung gesammelt. „Es wird nun weiter vorausgedacht“, hat Jill Rutter von der Denkfabrik Institute for Government erkannt.

Artikel 2 von 11