Merkel bremst Spahns Schnelltest-Pläne

von Redaktion

Wegen unklarer Kapazitäten: Massen-Nachweise nicht vor dem 8. März realistisch

Berlin – Fünf Tage lang hatte die Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums Bestand. Die kostenlosen Corona-Schnelltests sollten kommen. Noch bis Sonntag versprach Jens Spahn (CDU), dass ab 1. März für jeden Bürger ein solcher Test verfügbar sein werde – und schürte die Hoffnung, dass auf die erhöhte Testfrequenz weitreichende Öffnungen folgen.

Nun muss das bundesweite Massentesten aber noch mindestens eine Woche warten. Weil es nach wie vor zu viele Unklarheiten bezüglich der vorhandenen Testkapazitäten gibt, entschied das Corona-Kabinett um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihren Stellvertreter Olaf Scholz (SPD) gestern, Spahns Teststrategie zunächst zu verschieben und bei der Ministerpräsidentenkonferenz am 3. März zu diskutieren. Damit ist eine Umsetzung der Pläne nicht vor dem 8. März realistisch. Bereits zum Zeitpunkt der Ankündigung am Mittwoch wurden vermehrt Zweifel laut, wie in wenigen Tagen die Voraussetzungen für eine komplett neue Teststrategie geschaffen werden sollen. „Die Verschiebung der Schnelltests ist bedauerlich“, twitterte noch am Abend der FDP-Vorsitzende Christian Lindner. „Testen, Testen, Testen ist ein Baustein für mehr Freiheit.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schlug vor der Sitzung des CSU-Vorstandes gestern in eine ähnliche Kerbe. „Wer geimpft ist und wer getestet ist, hat automatisch mehr Möglichkeiten, sich zu bewegen“, erklärte Söder, gab aber zu bedenken: Um möglichst vielen Menschen wieder mehr Freiheiten gewähren zu können, brauche es in Deutschland pro Tag Millionen dieser Schnelltests. Deshalb, so die Forderung des CSU-Vorsitzenden, müssten die Zulassungsverfahren für „alle Formen der Schnelltests“ beschleunigt werden. So könnte man Alternativen anbieten, die sich bestenfalls durch eine vereinfachte Anwendung auszeichnen.

Eine dieser Alternativen könnte der Laien-Selbsttest sein, der laut Spahn insbesondere bei der Wiedereröffnung von Schulen und Kitas ein „wichtiges Werkzeug“ sein soll. Der Selbsttest, der in vielen Staaten bereits zum festen Repertoire zählt, ist hierzulande noch nicht zugelassen. Spahn rechnet damit, dass die Gurgel- und Spucktests für Zuhause noch im März erhältlich sein werden.

Die Grünen plädierten gestern erneut für eine zeitnahe Verfügbarkeit: Perspektivisch solle jeder Bürger die Möglichkeit haben, einmal täglich einen Test zur Selbstanwendung zu machen, sagte Parteichefin Annalena Baerbock in Berlin. „Wenn die Bundesregierung nicht endlich sicherstellt, dass die Schnelltests in Kitas und Schulen kommen, sollte sie nicht mehr davon reden, dass Kinder in der Pandemie absolute Priorität haben“, sagte die Grünen-Chefin.

Während der Selbsttest also weiter auf seine Zulassung wartet, wird die millionenfache Durchführung von Antigen-Schnelltests – sobald erlaubt – zu einer logistischen Herausforderung. Selbst wenn es gelingt, regelmäßig eine ausreichende Anzahl an Testzentren, Praxen und Apotheken zu liefern, ist für jeden Abstrich medizinisch geschultes Personal erforderlich. Schon jetzt kommen viele Alten- und Pflegeheime nicht mehr hinterher und sind auf die Unterstützung von Bundeswehrsoldaten angewiesen.

Wie die bundesweite Umsetzung trotzdem funktionieren kann, gilt es nun für die Länderchefs am 3. März zu klären. Zumindest Markus Söder denkt aber schon einen Schritt weiter. Ginge es nach ihm, soll der Nachweis des jüngsten Tests digital erfolgen. Die Nutzer registrieren sich dafür in einer App, mit deren Hilfe man in wenigen Schritten sein Ergebnis einsehen und vorzeigen kann. Bevor es so weit ist, gibt es aber noch Einiges zu klären. JULIAN NETT

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