München – Malu Dreyer hat sicher schon bequemer gesessen, aber Komfort ist ja nicht alles. Also kauert die 60-Jährige auf ihrem grauen Sesselchen und blickt freundlich zum ausladenden Dreisitzer-Sofa neben ihr. In dem versinkt Christoph Spies, Wahlkreis 42 Bad Dürkheim, und erzählt, wie ihn damals beim Grillen „der Vadder“ eines Bekannten in die Politik brachte. Dreyer lächelt anerkennend. Es gab schon aufreibendere Wahlkämpfe.
Normalerweise würde die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin dieser Tage durch die 52 Wahlkreise ihres Landes tingeln. Aber gerade ist halt nichts normal. Deshalb die Treffen, die aus einer Wohnzimmer-Kulisse aus der Mainzer Parteizentrale live ins Netz gestreamt werden. Manchmal sind es zwei, drei am Stück, jedes um die 50 Minuten lang. Mehr als 200 Leute gleichzeitig erreicht die SPD so kaum. Aber in der Turnhalle Bad Dürkheim wäre das auch nicht anders.
Dreyer wirkt vor der Landtagswahl am 14. März recht entspannt. Die Regierungschefin, von der es mal hieß, sie sei „so beliebt wie hitzefrei und Freibier“, hat hohe Zustimmungswerte und mit Christian Baldauf einen CDU-intern zwar verdienten, aber wenig bekannten Gegner. Auch die Umfragen stimmen wieder. Im September lag die SPD noch acht Prozentpunkte hinter der Union. In einer Erhebung von Donnerstag kommt sie auf 33, die CDU nur noch auf 29 Prozent.
So eine SPD-Aufholjagd gab es in Mainz schon öfter. Für die Christdemokraten ist es wie verhext. Eigentlich wollten sie die 30-jährige SPD-Ära – Scharping, Beck, Dreyer – beenden. Aber Baldaufs Kritik an der Corona-Politik der Landesregierung mag nicht richtig zünden. Die Pandemie macht es ihm zudem nicht leicht, sich im Land bekannter zu machen. „Diese Monate hatte ich mir anders vorgestellt“, sagt er. „Natürlich lebt eine Partei wie die CDU von der Präsenz, vom direkten Bürgerkontakt.“ Mit dem Digitalen hat die Partei denn auch so ihre Probleme. Am Aschermittwoch etwa geriet eine Schalte Baldaufs zu CDU-Chef Armin Laschet zur Peinlichkeit: Bildausfälle, mieser Ton und ein müder Laschet.
Nicht, dass diese Wahl ein Selbstläufer für Dreyer wäre. Aber im Moment sieht es nach Sieg aus – und damit auch nach Fortsetzung der Koalition mit Grünen und FDP. „Das ist unser Wunschbündnis“, sagt der Fraktionschef der Sozialdemokraten im Mainzer Landtag, Alexander Schweitzer. „Wir würden es gerne fortsetzen, die Partner verstehen sich sehr gut.“
Zwar haben Grüne und FDP keine Koalitionsaussage getroffen. Dass sie weitermachen würden, bezweifelt aber niemand. Auch in Baden-Württemberg, wo am gleichen Tag gewählt wird, könnte es auf eine Ampel hinauslaufen, unter grüner Führung. Manche sehen darin ein Vorzeichen für den Bund. „Eine Ampel-Koalition passt zu den Herausforderungen der Zukunft“, sagt Schweitzer. „Sie macht am meisten Sinn.“
Stand jetzt wäre sogar Rot-Grün in Mainz in greifbarer Nähe. Baldauf hat indes nur die theoretische Hoffnung auf eine Jamaika-Koalition mit Grünen und FDP. Aber er müsste die anderen mit vielen Zugeständnissen locken und vor allem: gewinnen. Auch seine Vorgängerin Julia Klöckner versuchte vor fünf Jahren, Dreyer vom Thron zu stoßen und verspielte einen Vorsprung durch einen inhaltlichen Fehltritt. Dabei war sie bis zum Wahlabend hoffnungsvoll und schaute sich von Dreyer sogar das Siegerinnen-Outfit ab. Am Ende standen beide im roten Blazer da – aber nur eine lachte.
Dabei ist auch Dreyer nicht unangreifbar. Als sie im Januar in der ARD sagte, Deutschland sei „insgesamt gut durch die Pandemie gekommen“, hagelte es angesichts von 50 000 Toten und wachsendem Impf-Frust viel Kritik. Wirklich geschadet hat es ihr aber nicht. Dreyer muss nur Dreyer sein – für Baldauf reicht das nicht. Er muss seinen Machtanspruch begründen, immer wieder. „Die Ministerpräsidentin ist sympathisch“, sagte er unlängst in einem Interview. „Aber ihre Fassadenpolitik bringt nichts fürs Land.“ Die Frage ist, ob die Wähler das auch so sehen.