„Es darf keinen Kulturrabatt geben“

von Redaktion

München – Der hohe Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund unter den Corona-Kranken, den RKI-Präsident Lothar Wieler und Klinik-Chefärzte diagnostiziert haben, sorgt für politischen Zündstoff. Darüber sprachen wir mit Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland (BAGIV).

Sie fordern eine tabulose Debatte über das Thema. Was läuft aus Ihrer Sicht schief?

Sofern die berichteten Fakten einer Überrepräsentanz von Migranten unter den Corona-Kranken stimmen, müssen wir darüber reden. Gerade in einer Einwanderungsgesellschaft müssen die Probleme benannt werden, damit wir sie richtig analysieren können und die richtigen Lösungen finden. Ich habe überhaupt kein Verständnis mehr dafür, dass alle gesellschaftlichen Themen sofort in eine Rassismus-Debatte führen. Wenn sich jetzt sogar Wissenschaftler und Ärzte nicht mehr trauen, Wahrheiten auszusprechen, dann ist das falsch. Rassistisch ist in meinen Augen eher, solche Themen zu tabuisieren.

Viele Menschen mit Migrationshintergrund leben in ärmeren Verhältnissen, beengtem Wohnraum, fahren öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln und haben Jobs, in denen Homeoffice kaum möglich ist. Diese Fakten lassen sich nicht einfach per Beschluss ändern. Aber wie kann man die negativen Auswirkungen dieser Realitäten in Pandemiezeiten zumindest eindämmen?

Anscheinend erreichen wir bestimmte Gruppen in der Gesellschaft nicht. Gerade in Pandemiezeiten brauchen Menschen, die in prekären Verhältnissen leben und arbeiten, besondere Aufmerksamkeit des Staates. Da muss man Strukturen aufbauen, mit denen man in Krisenzeiten schnell reagieren kann.

Welche Rolle spielt die Sprachbarriere?

Die Kommunikation scheitert nicht daran, dass es nicht genügend Informationsmaterial gäbe. Vieles ist ja in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Aber das reicht nicht. Denn: Es gibt nicht viele Migranten, schon gar nicht ältere, die sich auf der Webseite des Gesundheitsministeriums informieren. Realität ist: Viele schauen den ganzen Tag Fernsehkanäle aus ihren Herkunftsländern. Gerade in der größten Community, der türkischen, ist das so. Sie beziehen ihre Informationen aus den staatsgelenkten türkischen Sendern. Muss das sein? Migranten sind auch Gebührenzahler. Ich finde, die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland haben da einiges nachzuholen. Es braucht Angebote im Fernsehen, um auch diese Gruppen zu erreichen.

Welchen Beitrag zur besseren Information der Menschen leisten Migrantenverbände wie Ihre Arbeitsgemeinschaft?

Ein konkretes Beispiel: Wir führen ein Projekt mit Flüchtlingen durch, bei dem es um Wertevermittlung geht. Wir haben unsere Mitarbeiter in den letzten zwölf Monaten angewiesen, nur Fragen und Maßnahmen rund um Corona zu behandeln. Weil Präsenzveranstaltungen nicht möglich waren, haben wir versucht, Flüchtlinge über Whatsapp zu erreichen. Aktuell bereiten wir zu diesem Thema auch eine große Veranstaltung mit dem Bundesgesundheitsministerium vor.

Welche Bedeutung haben kulturelle Aspekte? Etwa Familienfeiern in Großfamilien, bei denen weder Abstandsregeln noch Maskenpflicht oder andere Corona-Beschränkungen eingehalten werden?

Zunächst: Migranten sind kein monolithischer Einheitsblock, sondern so vielschichtig wie die deutsche Gesellschaft auch. Aber viele Migranten-Milieus sind kollektivistische Gesellschaften, in denen die Großfamilie eine gewichtige Rolle einnimmt. Aber ob Beerdigung, Hochzeit oder andere Familienfeiern: Den Menschen muss klargemacht werden, dass große Zusammenkünfte in Pandemiezeiten nicht möglich sind. Da darf es keinen Kulturrabatt geben. Da muss der Staat eingreifen. Das ist dann auch nicht rassistisch. Diese Gruppen brauchen eine direkte Ansprache.

Müssen Polizei und Justiz Verstöße schärfer ahnden?

Nicht schärfer, aber es muss kommuniziert werden, dass der Staat die Gesetze anwendet. Alle müssen sich daran halten – egal, welche Herkunft sie haben. Das muss Thema sein in den Medien.

Nehmen wir an, Sie würden zum Beraterkreis der Kanzlerin gehören. Was würden Sie als Erstes vorschlagen?

Wir haben ja gleich zu Anfang der Pandemie unsere Mitarbeit in Krisenstäben angeboten – immerhin rund ein Viertel der Gesellschaft sind Migranten. Aber die Politik war da lange Zeit überfordert. Wichtig ist: Einwanderungsgesellschaft hat etwas mit Einbeziehen zu tun. Meine Forderung wäre: Auf allen Ebenen, in allen Krisenstäben müssen Experten zu Migrationsfragen dabei sein, die diese Perspektive mit einbringen.

Interview: Alexander Weber

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