Eines Tages werden wir auf diese Corona-Zeit zurückschauen mit völligem Unverständnis. Wird irgendjemand glauben wollen, dass die einzigen erlaubten Zusammenkünfte Trauerfeiern gewesen sind? Und wird sich jemand vorstellen mögen, dass selbst diese nur unter größten Beschränkungen stattfinden durften? Und die heutigen Todesanzeigen wird man nicht mehr verstehen mit ihrem Standardtext: „Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung findet aufgrund der aktuellen Situation im kleinsten Kreis statt.“ Und niemand wird glauben wollen, dass auf solchen Veranstaltungen nicht richtig gesprochen und schon gar nicht gesungen werden durfte.
Unsere Enkel werden fragen, warum habt ihr euch das alles gefallen lassen als Anordnung von Regierungen, die im planwirtschaftlichen Denken der Mangelverwaltung gefangen – wie früher in der DDR – nicht einmal in der Lage waren, rechtzeitig Impfstoff zu besorgen?
Wie bescheiden solche Trauerfeiern sind, habe ich erlebt, als im Januar ein lebenslanger Freund zu Grabe getragen wurde. Im Sommer hatte er noch seinen 80. Geburtstag gefeiert wie jemand, der aus der Quelle der Jugend getrunken hat. Seinen zuversichtlichen Optimismus hat er behalten, auch als ihm in der Klinik gesagt wurde, „eigentlich“ sollte geprüft werden, ob er
einen Stent nötig hat. Aber die Untersuchung wollte er gerne schieben. Wer geht schon gerne ins Krankenhaus in dieser Corona-Zeit? Der Klinik war das nur recht. Sie musste ja alles freihalten für Corona-Patienten. So blieben überall Betten leer. Am nächsten Morgen starb der Freund an einer Herzattacke. Einer von den Ungezählten, die gestorben sind, weil alles nur auf Corona geschaut hat.
Die Trauerfeier besuchten die engste Familie und einige lebenslange Freunde. Wir alle in dem Alter um die 80, qualifiziert für eine erste Corona-Impfung – theoretisch. Weit auseinander platziert in der Trauerhalle wurden wir vom Bestatter. Sprechen konnte man nur vorher und kaum auf dem Weg zum Grab. Diese Unterhaltung unter Masken hörte sich an wie der ganz ferne Chor in einer griechischen Tragödie: „Wenigstens ein schmerzfreier Tod – wenigstens nicht Covid – wenigstens musste er nicht zwei Monate an einem Beatmungsgerät hängen – wenigstens hat er kein Alzheimer gehabt“. Willkommen, musste ich denken, im Zeitalter von „wenigstens“.
Am schlimmsten aber war das kurz gemurmelte Auseinandergehen am Ende ohne jedes weitere Zusammensein. Das Treffen nach einer Beerdigung, der Leichenschmaus, ist doch der Glanz und das strenge Glück einer solchen Veranstaltung.
Die Gespräche unter alten Freunden im Gedenken an den Verstorbenen, der Austausch von Erinnerungen an glückliche Jahre, all das ist Trost für die Angehörigen und unverzichtbar für die Rückkehr ins Leben, das nun ohne den Verstorbenen weitergehen muss.
An diesem Mittag waren meine Frau und ich ganz alleine in unserer Küche. Zum Teller Suppe ein Glas Wein. Wenigstens das – in Gedanken an den Freund und an eine Zeit, als das Leben so schön war.
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