München – Es sind hektische Tage in Wiener Neustadt. Die täglichen Corona-Testkapazitäten in der zweitgrößten Stadt Niederösterreichs müssen auf die Schnelle drastisch ausgeweitet werden, von 2000 auf 15 000. Weil die 16 vorhandenen Teststraßen dafür nicht ausreichen, werden 24 weitere geöffnet, was wiederum nur funktionieren kann, wenn dafür ein dritter Standort aufgebaut wird. Das alles braucht seine Zeit. Erst ab Samstag wird Wiener Neustadt wirklich abgeriegelt sein.
Das Bundesheer wird in den nächsten Tagen in der 45 000-Einwohner-Stadt 50 Kilometer südlich von Wien massiv Präsenz zeigen, 300 Soldaten sind zu diesem Zweck angefordert worden. Zuletzt ist die Sieben-Tage-Inzidenz steil angestiegen. Sie liegt nun bei 528, fast dreimal so hoch wie der landesweite Wert von 184, der wiederum knapp dreimal so hoch ist wie in Deutschland. Nach einer Verordnung aus dem Wiener Gesundheitsministerium sind Bezirke ab einer Inzidenz von 400 so abzuschotten, dass sie nur noch mit einem negativen Test verlassen werden dürfen. Im Kärntner Bezirk Hermagor (559) gilt das bereits seit gestern, ansonsten waren nur kleinere Gemeinden betroffen. Wiener Neustadt ist nun die erste Stadt.
Viereinhalb Wochen ist es jetzt her, dass Österreich einen Teil seiner Corona-Beschränkungen aufgehoben hat. Der Schulbesuch ist ebenso wieder möglich wie Einkäufe und bestimmte Dienstleistungen. Dass sich die Lockerungen auf die Infektionszahlen auswirken würden, war der Regierung von Anfang an bewusst. Sie hoffte aber, mit umfangreichen Tests den Anstieg unter Kontrolle halten und mit dem Abschotten von Gebieten mit hoher Inzidenz gegensteuern zu können. Verglichen mit einem Lockdown, an den sich keiner mehr hält, erschien ihnen das als das kleinere Risiko.
Kanzler Sebastian Kurz spricht gerne vom „Test-Weltmeister“ Österreich in Anspielung auf die rund 2,5 Millionen Proben pro Woche. Dass die Zahlen wieder hochschnellen, hat sich dadurch freilich nicht verhindern lassen. Maximal ein Viertel des Zuwachses sei auf Fahndungserfolge zurückzuführen, zum Beispiel mit zwei wöchentlichen Tests pro Schulkind, räumte Gesundheitsminister Rudolf Anschober soeben in der „FAZ“ ein. „Der Rest liegt an deutlich ansteckenderen Virus-Mutationen. Wir haben eine Pandemie in der Pandemie.“
In Deutschland schaut man seit nunmehr einem Jahr sehr genau auf den kleinen Nachbarn, der in den ersten Monaten für sein Corona-Management viel Lob einstrich, dann aber vorschnell öffnete und im Herbst umso fester auf die Bremse treten musste. Auch die Methode „Öffnen & Testen“ wird nördlich der Grenze aufmerksam verfolgt, allerdings mit einer Einschränkung: In Deutschland fehlt es in der Breite noch an den nötigen Schnelltests.
Einen Monat nach den Lockerungen klingt der Gesundheitsminister sehr verhalten. Er sei immer für Vorsicht gewesen, sagt Anschober. Mitte März soll es eine Sitzung geben, bei der über weitere Schritte beraten wird: „Wir können jederzeit die Notbremse ziehen.“ Allzu große Zuversicht will er nicht verbreiten. „Ich muss sagen: Die Prognosen sind nicht gut.“ Er fühlt sich an den Anstieg im Herbst erinnert, allerdings werde das Wetter jetzt besser und schon bald solle mehr Impfstoff zur Verfügung stehen. „Bis Ostern müssen wir durchhalten, dann wird es leichter.“
In Wiener Neustadt wird nun aber erst mal alles deutlich komplizierter. Die Stadt sei ein wichtiger Ort für rund 300 000 Menschen in der Region, sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Allein den Bahnhof nutzen täglich 20 000 Reisende, es herrscht ein Kommen und Gehen. Die Pendler durch die Teststraßen zu schleusen, wird eine logistische Herausforderung. Und so schnell ist keine Besserung der Lage in Sicht. Damit die Sperre aufgehoben wird, muss die Inzidenz zehn Tage unter 200 liegen.