München – Es ist zuletzt geradezu ruhig geworden um Astrazeneca. Für das britisch-schwedische Unternehmen war das eine willkommene Abwechslung, nachdem es wochenlang wegen ausbleibender Impflieferungen und einem Mangel an Akzeptanz in der Bevölkerung für wenig schmeichelhafte Meldungen gesorgt hatte. Nun aber braut sich womöglich neues Ungemach zusammen.
In Dänemark wird vorübergehend niemand mehr mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft. Grund seien Berichte über schwere Fälle von Blutgerinnseln bei Personen, die zuvor das Serum erhalten hätten, teilte die nationale Gesundheitsverwaltung gestern mit. Stunden später schloss sich Norwegen an. Zur Begründung verwies die Gesundheitsbehörde auf die unklare Lage in Dänemark, wo es mindestens einen Todesfall gegeben haben soll.
Der Stopp gilt dort nun zunächst für 14 Tage. In dieser Zeit sollen die Daten von Geimpften auf mögliche weitere Fälle von Gerinnungsstörungen untersucht werden. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, die das Mittel zugelassen hatte, erklärte gestern gleichwohl, nach bisherigen Erkenntnissen sei das Risiko „bei geimpften Menschen nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung“.
Bei Professor Peter Kremsner löst all das Besorgnis aus. Der Chef-Infektiologe der Uni Tübingen, der auch die Studie für den bald zur Zulassung anstehenden Impfstoff des Herstellers Curevac leitet, sagt: „Das muss man sehr ernst nehmen.“ Gerinnungsstörungen, wie sie jetzt aufgetreten sind, seien etwas, „was wir normalerweise nicht nach Impfungen haben“, sondern eher bei kardialen Problemen wie Herzinfarkten oder Vorhofflimmern. Die nächsten Wochen sollen Klarheit bringen, aber für den Ruf des Vakzins sei das schon jetzt ein Rückschlag: „Astrazeneca ist immer noch kein schlechter Impfstoff“, doch die Entwicklung trage „nicht dazu bei, dass die Akzeptanz wächst“.
Dänemark und Norwegen sind nicht die einzigen Länder, wo das Vakzin aktuell auf Vorbehalte trifft. Österreich hatte am Montag die Impfungen mit einer bestimmten Astrazeneca-Charge gestoppt, nachdem eine 49-jährige Krankenpflegerin wenige Tage nach ihrer Impfung gestorben war. Bei der Frau waren schwere Gerinnungsstörungen aufgetreten. Vier andere EU-Länder – Estland, Litauen, Lettland und Luxemburg – stoppten daraufhin ebenfalls die Impfungen mit dieser Charge, die insgesamt rund eine Million Dosen umfasste und an 17 europäische Länder verschickt worden war. Insgesamt gab es in Österreich zuletzt drei schwere Fälle, alle im Zusammenhang mit einer Gerinnungsstörung.
Grundsätzliche Bedenken gegen das Serum gibt es in Österreich allerdings – noch – nicht. Wie in Deutschland ist er auch hier seit vergangener Woche für Personen über 65 Jahren zugelassen. Wegen fehlender Daten in dieser Altersklasse war die entsprechende Zulassung zunächst ausgeblieben. Das war – neben einem geringeren Wirkungsgrad bei leichteren Verläufen – einer der Gründe, weshalb das Präparat anfangs mit Skepsis aufgenommen wurde. Die war zuletzt abgeflaut.
In Deutschland sieht das Bundesgesundheitsministerium noch keinen Anlass für einen ähnlichen Schritt wie im Norden. „Nach jetzigem Stand gibt es keine Hinweise darauf, dass der Todesfall in Dänemark mit einer Corona-Impfung ursächlich in Verbindung steht“, erklärte ein Ministeriumssprecher. Astrazeneca selbst äußerte sich zurückhaltend. Ein Konzernsprecher wies aber auf Studien hin, die belegten, „dass der Impfstoff generell gut verträglich ist“. MARC BEYER