Stuttgart – Es ist ein Offenbarungseid. Baden-Württembergs CDU-Landeschef Thomas Strobl nimmt sich mehrere Minuten, um über die Koalition mit den Grünen zu schwärmen. Grün-Schwarz habe die „Weichen für die 20er-Jahre“ gestellt, lobt der Innenminister. Neben ihm sitzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann und genießt schweigend. Und ja, die CDU wolle das Bündnis mit den Grünen gern fortsetzen, sagt Strobl und schiebt dann leiser nach: „Klar, die CDU möchte natürlich die stärkste Partei werden.“ Dass dies wohl ein frommer Wunsch bleiben wird, weiß auch Strobl. Der einst vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Landes-CDU droht in ihrer einstigen Hochburg ein Debakel, wie es Baden-Württemberg noch nicht gesehen hat.
Was ist da los im so bürgerlichen und reichen Südwesten? Ist die Messe schon gelesen? Die Antwort ist: Die Messe liest schon seit zehn Jahren der gläubige Katholik Kretschmann und wird es auch wohl weiter tun. Sogar zwei Drittel der CDU-Anhänger wollen, dass der 72-Jährige ihr Landesvater bleibt. Nur jeder Zehnte möchte, dass die eigene Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann Regierungschefin wird. Die Grünen führen laut ZDF-„Politbarometer“ mit 34 Prozent. Die CDU dümpelt bei 24 Prozent. Das wäre Minusrekord. Und es könnte für die Christdemokraten noch dicker kommen: Womöglich geht Kretschmann ein Ampel-Bündnis mit SPD und FDP ein.
„Ja, heilig’s Blechle“, würde man da im Autoland wohl sagen. Grün scheint das neue Schwarz zu sein – und das im Land von Lothar Späth und Erwin Teufel. Kretschmann hat seine Partei in den zehn Jahren, in denen er erst mit der SPD und dann mit der CDU regierte, zu einer in der Mitte anschlussfähigen Volkspartei gemacht. Dabei läuft längst nicht alles super: Bei der Bildung ist das Land in den Ranglisten abgerutscht, der Klimaschutz ist noch ausbaufähig und die Autoindustrie droht den Anschluss an Tesla zu verlieren. Und auch Kretschmanns Corona-Krisenkurs ist alles andere als frei von Widersprüchen und Pannen. Doch weil er so populär ist, greift ihn nur selten jemand persönlich an. „Sie kennen mich“, steht auf vielen Plakaten. Kommt einem irgendwie bekannt vor, dieser Satz. Es ist eine Anleihe bei der derzeit wieder sehr populären Angela Merkel, die diesen legendären Spruch 2013 in ihrem Schlusswort im TV-Duell unterbrachte. CSU-Chef Markus Söder verglich Kretschmann neulich – ausgerechnet beim CDU-Landesparteitag – mit Serienmeister Bayern München. Autsch.
CDU-Kandidatin Eisenmann ist in einer verzwickten Lage. Die 56-Jährige ist für die Schulen zuständig, und das ist schon in normalen Zeiten nicht leicht. In der Corona-Krise sei das ein „Himmelfahrtskommando“, sagt Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen. Lange war die CDU-Frau kaum bekannt, dann brachte sie sich als Verfechterin offener Schulen („unabhängig von Inzidenzzahlen“) ins Gespräch und kritisierte sogar Merkel. Sie steht unter Dauerbeschuss von Eltern, Lehrern, Schülern und Verbänden.
Ein CDU-Stratege mahnt, nicht mehr auf eine Neuauflage von Grün-Schwarz zu hoffen: „Wenn Kretschmann die CDU beerdigen kann, wird er das tun.“ Die müsste dann neben einer – wohl geschwächten AfD – die Oppositionsbank drücken. Ein Horrorszenario. H. OTTE/N. POINTNER