Kretschmanns Grüne triumphieren

von Redaktion

VON STEFAN SESSLER

München – Der Wahlsieger hält sich gar nicht erst mit politischem Kleinklein auf. „Lassen Sie uns zusammen die Erderhitzung eindämmen“, sagt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, 72, in seiner allerersten Stellungnahme. Drunter macht er es nicht. Der frühere Biologielehrer von der Schwäbischen Alb und jetzige grüne Heilsbringer spricht nicht von Corona oder Wirtschaftskrise, sondern von Erderhitzung. Das ist der Luxus, den sich nur Seriensieger leisten können.

Kretschmann hat aus den Grünen im Ländle gerade die womöglich letzte verbliebene Volkspartei gemacht. Über 30 Prozent hat seine Partei geholt, der Abstand zur Früher-mal-50-Prozent-Partei CDU ist noch mal gewachsen. „Ich verstehe das Ergebnis als Auftrag, unserem Land weiter als Ministerpräsident zu dienen“, sagt er. Mit wem er in seine dritte Amtszeit gehen will, sagt er nicht. Aber er wolle „ans Ganze denken“. Das klingt maximal schwammig, aber er ist es nicht, der irgendwas Konkretes anbieten muss. Es sind die anderen Parteien, die die Grünen umschwärmen. Die Öko-Partei bekommt noch am Wahlabend ungewöhnlich viel Liebe von den politischen Gegnern ab. Er könne nicht feststellen, „dass es eine Art Wechselstimmung gegeben hat“, sagt CDU-Landeschef Thomas Strobl, „sondern die Menschen vertrauen dieser Regierung, dieser Koalition.“ Es ist eine kuriose Erzählung, die der bisherige Koalitionspartner hier in Gang setzt: Die Südwest-CDU hat gerade das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren, trotzdem wird Schwarz-Grün als Erfolgsmodell verkauft. Strobl rechnet die Stimmen der Grünen einfach mit zu denen der CDU. Das ist politische Mathematik und Selbstverzwergung der ganz neuen Art, aber vielleicht erspart sie seiner Partei die Oppositionsbank.

Doch es gibt weitere Bewerber: Rechnerisch ist auch eine Ampel möglich. FDP-Generalsekretärin Judith Skudelny signalisiert sofort ihre Bereitschaft, „mit denen zu verhandeln, wie wir Baden-Württemberg besser machen“. Auch die SPD mag liebend gerne mit den Kretschmann-Grünen regieren. Klimapolitik, Baupolitik, da gebe es viele Schnittmengen, heißt es am Sonntag immer wieder. Je nach endgültigem Ergebnis könnte es auch für Grün-Rot ohne die FDP reichen. Das Schaulaufen kann in den nächsten Tagen jedenfalls in persönlichen Gesprächen fortgesetzt werden. Der grüne Landesvater, der seit zehn Jahren regiert und es auch mit der Wirtschaft im Autoland kann, kündigte an, mit allen demokratischen Parteien Gespräche zu führen.

Bei aller vorgespielten Harmonie konnte man fast vergessen, dass der Abend auch eine große Verliererin hat: CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann, die die erste Ministerpräsidentin Baden-Württembergs werden wollte und bundesweit bekannt wurde, als sie Schulöffnungen unabhängig von den Inzidenzen forderte. Sie steht jetzt vor Trümmern. Selbst ihren Stuttgarter Wahlkreis hat sie haushoch gegen die Grünen verloren. Es sei ein „enttäuschendes und desaströses Wahlergebnis“, sagt die Kultusministerin am Abend. Natürlich werde sie die Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig erklärt sie, dass sie künftig keine führende Rolle in der Partei anstrebe.

Auch die AfD ist trotz Verlusten wieder mit rund zehn Prozent in den Landtag eingezogen. Sie ist die einzige Partei, die Kretschmann kein Angebot macht. Spitzenkandidat Bernd Gögel sagt: Während der Pandemie „versammeln sich die Wähler doch eher hinter den Agierenden und hinter den Regierenden“.

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