Yangon – So schockierend und kaltblütig der Putsch des Militärs in Myanmar Anfang Februar auch war, die kurz darauf im ganzen Land aufkeimenden Proteste waren zunächst bunt, kreativ und fantasievoll. In Ballkleidern, Hochzeitsroben und Gespensterkostümen marschierten junge Menschen durch die Straßen.
Mit ihren farbenfrohen Aktionen wollten die Demonstranten ihre friedliche Absicht unterstreichen, gleichermaßen unbewaffnet wie selbstbewusst. Und andererseits, dass ihre Generation kaum noch etwas mit jener gemein hat, die fast 50 Jahre lang von den Generälen mit eiserner Faust regiert und bei jedem Fünkchen Widerstand brutal niedergeknüppelt wurde. „Ihr habt Euch mit der falschen Generation angelegt“, war auf einem Schild zu lesen, das eine junge Protestlerin in Händen hielt.
Erst vor rund zehn Jahren war die Junta zaghaften demokratischen Reformen gewichen – auch wenn sie sich per Verfassung im Parlament und im Kabinett ein deutliches Mitspracherecht einräumte. Aber in diesen zehn Jahren sind viele der heutigen Demonstranten zu jungen Erwachsenen herangewachsen – Internet, Videogames und soziale Netzwerke inklusive. Twitter, Faceboook, Whatsapp, Signal: Die Globalisierung ist auch in Myanmar nicht mehr zu stoppen. Obwohl das Militär seit Wochen jede Nacht das Internet blockieren lässt, posten die Demonstranten täglich Fotos und Videos von der Gewalt der Sicherheitskräfte.
Die Ballkleider sind längst Blutbädern gewichen. „Die bunten Proteste von vor ein paar Wochen gibt es nicht mehr“, sagt Ye Yint Win aus der ehemaligen Hauptstadt Yangon (früher Rangun). „Wir sind jetzt immer unter Beschuss.“ Auch am Wochenende wurden offenbar mindestens 24 Menschen erschossen. Medien in Myanmar gehen von bislang über 90 Toten seit Anfang Februar aus. Amnesty International sprach nach der Analyse von 50 Videos von „außergerichtlichen Hinrichtungen“. „Diese Taktiken des Militärs in Myanmar sind alles andere als neu, aber ihre Amokläufe wurden noch nie zuvor vor den Augen der Weltöffentlichkeit live übertragen“, sagt Joanne Mariner von Amnesty International.
Tausende Gegner der Generäle wurden zumindest vorübergehend festgenommen. Darunter sind Politiker, Journalisten, Aktivisten, aber auch einfache Bürger. Alle haben eines gemeinsam: Sie fordern die Freilassung und Wiedereinsetzung von Aung San Suu Kyi, der entmachteten und festgesetzten Regierungschefin. Denn auch wenn die 75-Jährige im Ausland zuletzt umstritten war, in ihrer Heimat ist sie nach wie vor eine Freiheitsikone. Mittlerweile lassen sich viele Menschen ihr Antlitz als Tattoo auf Brust, Arme oder Rücken stechen. Oder den Dreifingergruß, der sich wie in Thailand zum Symbol des Widerstands entwickelt hat.
Einer der führenden Politiker von Suu Kyis Partei „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD), Mahn Win Khaing Than, kündigte am Wochenende an, man werde bald ein Gesetz verabschieden, das ein Recht auf Selbstverteidigung gegen die Militärjunta festschreibt. Eine Gruppe von untergetauchten NLD-Politikern versucht derzeit offenbar als Untergrundparlament, international als legitime Regierung anerkannt zu werden.
Die Protestbewegung auf der Straße trotzt der Junta auf der Straße derweil immer noch mit kreativen Ideen. Um Polizisten und Soldaten abzuschrecken, hängen die Menschen an über die Straßen gespannten Wäscheleinen Frauenunterwäsche und bunte Wickelröcke auf. Hintergrund: Männer haben in Myanmar Angst, unter Frauenkleidern hindurchzulaufen, weil dies Unglück bringen soll. Die Militärs in Myanmar sind eben nicht nur äußerst brutal, sondern auch sehr abergläubisch.