München – 16 Stunden am Stück Schweigen, kein Wort und kein Tweet, für Markus Söder ist das ungewöhnlich lang. In der 17. Stunde nach Schließung der Wahllokale tritt er wieder ans Rednerpult, es folgen Schlagzeilen im Minutentakt. Den Montagvormittag nach der Unions-Wahlklatsche in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg füllt der CSU-Vorsitzende mit einer Generalabrechnung gegenüber Berlin. Er geht auf Distanz zu Angela Merkel und ihren Ministern.
Söder gibt der Corona-Politik der Bundesregierung die Schuld für den CDU-Absturz. Er sagt nicht die Namen von Jens Spahn und Peter Altmaier, aber er nennt die Themenfelder des Gesundheits- und des Wirtschaftsministers als Beispiele für schlechtes Management. Die Regierung müsse „Fehler abstellen“. Er zählt auf: Impfen, die schwache Corona-App, fehlende Tests und die schleppenden Wirtschaftshilfen. Das böse Wort vom „Schlafwagen“ benutzt er mal wieder.
Einen „neuen Aufbruch“ brauche Berlin. Der CSU-Chef verlangt, neben die Regierung ein junges Team an neuen Köpfen zu stellen. Das erinnert an Januar 2020, als Söder rund um die CSU-Klausur in Seeon eine schnelle Kabinettsumbildung in Berlin forderte. Der Plan wurde von Corona fortgerissen. Nun ist die Zeit für Minister-Rochaden zu kurz, das weiß auch er, dafür die Idee mit dem Schattenkabinett. Wer auf CSU-Seite rein soll, ist offen, geraunt wird ab und zu der Name der bayerischen Ministerin Michaela Kaniber sowie mehrerer Nachwuchsleute aus der Landesgruppe. Söder kündigt Konzepte an für Wirtschaft/Steuer, Klima und Digitales.
All das ist ein Tritt vors Schienbein der CDU. Armin Laschet ließ bisher keine Konturen für ein Wahlprogramm erkennen, der CDU-Chef will auch keinesfalls schon über Schattenkabinette reden. Ebenso pikant ist der offen ausgetragene Dissens zwischen Söder und Laschets Tandempartner Spahn ums Impfen. Der gescholtene Minister intoniert die Sache ja ganz anders. Spahn sagt laut „Bild“ im CDU-Vorstand, man solle doch lieber „die positiven Geschichten erzählen“, schon sechs Millionen Deutsche seien geimpft. In Impfzentren gebe es so viele gut gelaunte Menschen. Auch Kanzlerin Angela Merkel betont demnach, man solle nicht jeden Tag über mehr Impfstoff reden, es gebe halt in Europa nicht mehr davon.
Für alle, die nicht gut gelaunt in Spahns Impfzentren stehen dürfen, klingt das befremdlich. Söder will das nicht hinnehmen. Am Mittwoch schalten sich die Ministerpräsidenten wieder zum Gipfel zusammen, diesmal Thema Impfen. Es dürfte eine inhaltliche Machtprobe werden, die Hausärzte schneller einzubinden – was unter anderem Barbara Stamm im CSU-Vorstand energisch fordert – und die Priorisierung aufzulockern, falls Astrazeneca wieder freigegeben wird.
Über all dem schwebt die Frage der Kanzlerkandidatur. Es wird schneller gehen, das ist klar an diesem Montag. Bald nach Ostern wollen Laschet und Söder reden. Der CDU-Chef plant vorher für 26. und 29. März virtuelle Kreisvorsitzendenkonferenzen, einen Gipfel mit ostdeutschen CDU-Politikern und den Start eines „Ideenprozesses“. Das klingt nach: Tempo.
Offiziell legen sich weiterhin weder Söder noch Laschet fest. Die Zwischentöne sagen mehr aus. Der CSU-Chef mit den höheren Beliebtheitswerten sagt nicht zufällig, die Landtagswahlen hätten gezeigt, wie sehr es auf Personen ankomme. Ein, zwei Prozent für die Union könnten entscheidend sein, ob sie überhaupt noch einen Kanzler stelle.
Und Laschet verplappert sich vor laufenden Kameras. Ein Journalist fragt, ob ein Kanzlerkandidat bis zu seiner Wahl Ministerpräsident bleiben könne. Bis zum Wahltag, so sei das Praxis, sagt Laschet: „Das wird auch in diesem Wahljahr für mich so gelten.“