München – Offiziell sprechen die meisten Mediziner von einem „Vertrauensverlust“, doch hinter vorgehaltener Hand diagnostizieren sie einen „realen Albtraum“ für die Impfkampagne: Das Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca werde Deutschland bei der dringend nötigen Aufholjagd um Monate zurückwerfen – und zwar selbst im günstigsten Fall, wenn das Vakzin in Kürze wieder freigegeben werden sollte. Im Interview mit unserer Zeitung analysiert der Corona-Experte Privatdozent Dr. Christoph Spinner vom Uniklinikum rechts der Isar Hintergründe und Folgen des Impf-Stopps.
Wie bewerten Sie die Entscheidung von Gesundheitsminister Spahn?
Auf der einen Seite geht die Sicherheit immer vor. Es ist richtig und wichtig, Berichte über mögliche Nebenwirkungen genau zu prüfen – so wie es das Paul-Ehrlich-Institut als zuständige Fachbehörde angekündigt hat. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht gängige Praxis. Aber auf der anderen Seite wird der Imageschaden für die gesamte Impfkampagne nur schwer zu reparieren sein. Deshalb muss man die Entscheidung, alle Astrazeneca-Impfungen in Deutschland zu pausieren, zumindest hinterfragen.
Sie würden sich also bedenkenlos mit Astrazeneca impfen lassen?
Na klar! Nach allem, was wir heute wissen, handelt es sich um einen sehr sicheren Impfstoff, was übrigens auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) in einem aktuellen Statement bekräftigt hat. Die Vorteile überwiegen. Wir können froh sein, dass wir ihn haben.
Aber die Berichte von Blutgerinnseln – insbesondere im Gehirn – haben viele Menschen verunsichert. Können Sie die Angst vor solchen schweren Nebenwirkungen nicht nachvollziehen?
Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, jetzt nicht überzureagieren! Das Risiko für eine tiefe Beinvenenthrombose liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 0,1 Prozent, das bedeutet: Jeder Tausendste erkrankt daran. Die Sinusvenenthrombose, ein Verschluss der Gehirnvenen, ist noch um ein Vielfaches seltener. Es gibt pro Jahr etwa drei bis vier Fälle unter einer Million Einwohnern. Im Zusammenhang mit Astrazeneca erwähnt das Paul-Ehrlich-Institut sieben Fälle unter 1,6 Millionen Geimpften. Das entspricht einer Quote von 4,4 pro einer Million Menschen. Dieser Wert liegt also kaum außerhalb des Erwarteten. Außerdem wird jetzt geprüft, ob die Thrombosen überhaupt etwas mit der Astrazeneca-Impfung zu tun haben. Bislang besteht nur ein zeitlicher Zusammenhang – das bedeutet noch lange nicht, dass es auch einen ursächlichen gibt. Dazu kommt: Wir impfen momentan hauptsächlich Patienten mit Vorerkrankungen, die häufig ein erhöhtes Thrombose-Risiko haben.
Was raten Sie Menschen, die bereits mit Astrazeneca geimpft worden sind?
Sie sollten sich nicht verunsichern lassen, denn die beschriebenen Gefäßverschlüsse sind sehr selten. Als Vorsichtsmaßnahme empfiehlt es sich jetzt, noch sorgsamer auf die Reaktionen nach der Impfung zu achten. Wer 24 Stunden später noch schwere Kopfschmerzen hat, sollte zum Arzt gehen. Wenn die Impfung bereits zwei Wochen zurückliegt, besteht vermutlich kein Anlass zur Sorge, es gibt bislang keinen Hinweis auf Thrombosen als Spätfolge der Impfung.
Was passiert mit bereits Geimpften, die auf ihre zweite Astrazeneca-Dosis warten?
Die Zweitimpfungen sind ja nicht abgesagt, sondern verschoben worden. Sie können auch in einigen Wochen noch nachgeholt werden. Das ist kein Problem. Jede Impfung zählt – das hat sich auch bei anderen Impfungen klar herauskristallisiert.
Können Astrazeneca-Geimpfte ihre zweite Dosis auch von Biontech, Moderna oder Johnson & Johnson erhalten?
Aus medizinischer Sicht wird dies wahrscheinlich möglich sein, aber es gibt dazu noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Derzeit laufen unter anderem Studien in England. Bis wir mehr wissen, empfehle ich, auch bei der zweiten Impfdosis denselben Impfstoff zu verwenden.
Interview: Andreas Beez