MIKE SCHIER
Aus norddeutscher Sicht sind die Bayern ein seltsames Völkchen – und wenn es jenseits dieser nervigen CSU jemanden gab, der das politisch symbolisierte, dann war das Hubert Aiwanger, über dessen niederbayerisches Idiom sich ja schon im Landtag viele lustig machen. Der Wirtschaftsminister schien nach Straubing aufs Gäubodenfest zu passen, aber schon in der Münchner Start-up-Szene war Schluss. Jetzt – Corona macht’s möglich – ziehen die Freien Wähler in den Mainzer Landtag ein und die „Neue Zürcher Zeitung“ führt plötzlich Interviews. Spricht Aiwanger bald als Fraktionschef im Bundestag?
Gemach! Der Trumpf der Freien Wähler ist ihre kommunale Verwurzelung. Auf Landesebene mag da eine gemeinsame Mission möglich sein, bundesweit scheinen die regionalen Befindlichkeiten doch sehr unterschiedlich. Der kleine Hype um die bayerische Acht-Prozent-Partei zeigt eher den zunehmenden Ärger über das politische Personal in der Pandemie. Die Menschen, auch viele Journalisten, beginnen sich nach neuen Gesichtern zu sehnen. Gesichter, die nicht jede Woche Corona-Maßnahmen verkünden oder falsche Versprechen machen.
Aiwanger hat, das muss man ihm lassen, stets klare Kante gezeigt. Gegen Söder, für den das Gleiche gilt, konnte er sich in Corona-Fragen aber nie sichtbar durchsetzen. Wie lange nimmt er das hin? Zwei Parteichefs mit Berliner Ambitionen, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Es könnte ungemütlicher werden im Kabinett.
Mike.Schier@ovb.net