München – An diesem Tag, an dem die Justiz seine Büros und seine Wohnungen durchsucht, an dem sein Geschäftsmodell zu implodieren droht, an dem seine Partei nach Jahrzehnten mit ihm öffentlich bricht, sitzt Alfred Sauter in aller Seelenruhe vor seinem Computer und trinkt eine Tasse Kaffee. In äußerlich totaler Gelassenheit verfolgt er die Videokonferenz seiner aufgewühlten Landtagsfraktion. Ab und zu schaut er in seine Unterlagen, nippt am Kaffee, die Kamera läuft. Später macht er kurz das Mikrofon an. „Die Vorwürfe sind unzutreffend“, teilt er mit.
Wenn von Sauter, 70, was zu lernen ist fürs Leben, dann Nervenstärke. Fast unbewegt steht er diesen Tag durch, der für ihn dunkel beginnt und finster endet. Im Landtag rücken am Morgen kurz vor 10 Uhr Staatsanwälte in unauffälligen Zivilfahrzeugen an. Sie lassen sich den Weg zu Büro N413 zeigen und präsentieren einem verdutzten Sauter-Mitarbeiter einen Durchsuchungsbeschluss. Die Aktion war vorbereitet worden, unter höchster Geheimhaltung wurde 48 Stunden zuvor Landtagspräsidentin Ilse Aigner in Kenntnis gesetzt. Sie widersprach nicht, daraufhin durfte die Justiz loslegen.
Sauter ist jetzt Teil der Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft München wegen der Masken-Deals von Georg Nüßlein. Der Bundestagsabgeordnete soll 660 000 Euro Provision von Firmen eingestrichen haben, deren teure Masken er im Frühjahr 2020 an Behörden vermittelte. Über Umwege in Liechtenstein sollen die Geldflüsse verschleiert und an der Steuer vorbei geschleust worden sein. Inzwischen sind es fünf Beschuldigte – Sauter einer davon. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er als Anwalt einen Liefervertrag verhandelte. Die Ermittlungen der Justiz gehen aber weiter. Hat auch er Provisionen bekommen? In informierten Kreisen wird von 1,0 bis 1,2 Millionen Euro geraunt; eine Gesamtsumme, die womöglich aufgeteilt, vielleicht teils auch nur versprochen wurde.
Als Anwalt neben dem Mandat zu arbeiten, ist intern umstritten, aber nicht verboten. Für Sauter ist es das Geschäftsmodell, bei schwierigen Geschäften mit dem Staat als Anwalt zu agieren. Man mag das für moralisch fragwürdig halten – er ist Abgeordneter, war Justizminister und Bau-Staatssekretär, nutzt natürlich seine Top-Kontakte in der CSU. Juristisch wäre das nicht angreifbar. Die Parteispitze, die von diesem Modell wusste, störte das nie. Mit Horst Seehofer war Sauter eng befreundet.
Die Staatsanwälte schweigen höflich, erinnern sogar an die „geltende Unschuldsvermutung“. Kenner der Materie sagen, die Justiz denke gut nach, ehe sie im Landtag und beim Ex-Minister durchsuche. 40 Ermittler filzten über Stunden zehn Immobilien in München und Schwaben.
Die CSU ist extrem alarmiert. Sauter ist als Chef der Finanzkommission ja auch einer ihrer obersten Geldverwalter. Falls da nicht alles sauber lief, kann sich das zu einem riesigen Parteispendenskandal auswachsen. Am Nachmittag eilen die Wichtigsten der Partei vor die Kameras. Generalsekretär Markus Blume und Fraktionschef Thomas Kreuzer fordern Sauter öffentlich auf, sein Mandat ruhen zu lassen, alle Parteiämter abzugeben. Blume droht ein Ausschlussverfahren an: „Wer sich bereichert an der Krise, der fliegt.“
Es ist ein Bruch der Partei mit ihrer grauesten Eminenz. Selbst Parteichef Markus Söder sagt, der Fall Sauter gefährde das Ansehen der Demokratie und könne der CSU schwer schaden. „Reinen Tisch“ müsse man machen, schnell. Die CSU durchleuchtet nun ihre Parteifinanzen, besonders die in Günzburg. Auch der Landtag startet ein Prüfverfahren gegen Sauter, Aigner setzt ein Ultimatum für Transparenz bis 24. März.
Nur: Der gelassene Herr hinter der Kaffeetasse mag nicht weichen. Er habe null finanzielle Vorteile aus der ganzen Geschichte gezogen, sagt er der Fraktion. Die Einnahmen habe er versteuert, den Rest gespendet. Nachfragen weicht er aus. Er verlangt Solidarität der Fraktion und beklagt, warum er nun seine Unschuld beweisen solle. „Der Beweislastumkehr“, so zitieren ihn Kollegen aus der Videokonferenz, „werde ich mich nicht anschließen.“ Von Fraktionschef Kreuzer ist eine schroffe Replik überliefert: „Lieber Alfred, nicht wir haben ein Ermittlungsverfahren am Hals – sondern Du.“