MIKE SCHIER
„Ein Fehler muss als Fehler benannt werden – und wenn möglich muss er korrigiert werden.“ Auf diesen Satz von Angela Merkel hatten viele Deutsche jahrelang während der Flüchtlingskrise vergeblich gewartet. Dass die Kanzlerin gestern wegen eines Details ihrer Corona-Politik derart offen wie demütig vor die Nation treten muss, zeigt zum einen, wie groß der Druck aus Wirtschaft, Bevölkerung und nicht zuletzt den Unionsparteien war. Zum anderen symbolisiert die offizielle Entschuldigung den dramatischen Machtverlust einer Kanzlerin, die das Land über eineinhalb Jahrzehnte dominierte. Gestern war der Tag, an dem die Ära Merkel vorzeitig endete.
2015 wie heute gilt: Es ist besser, einen Fehler einzuräumen und nach Möglichkeit zu beheben, als aus Stolz und Machtwillen ewig daran festzuhalten. Dass es in Supermärkten insgesamt weniger Kontakte gibt, wenn man sie für ein paar Tage schließt – auf diese Idee konnten nur Menschen kommen, die nur selten normale Supermärkte von innen sehen. Es ehrt die Kanzlerin, die sich keiner Wahl mehr stellen muss, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Doch auch Scholz, Söder und Laschet sitzen mit im Boot. Die ersten beiden gehören zum selbst erklärten „Team Vorsicht“ und dem kleinen Kreis, der sich den Unsinn ausgedacht hatte. Der CDU-Chef verpasste die einmalige Gelegenheit, dem Treiben der Kollegen Einhalt zu gebieten. Es wäre sein Moment gewesen, endlich jenes Profil als Parteivorsitzender zu zeigen, das seine Partei von ihm sehnlichst erwartet.
Die Frage ist nun, wie man künftig die Corona-Politik in Deutschland bestimmen will. Die Bund-Länder-Konferenz, vom Grundgesetz nicht als Entscheidungsgremium vorgesehen, steht schwer beschädigt da. Nächtliche Dauersitzungen hinter verschlossenen Türen verbieten sich künftig. Die Politik als Ganzes steht in der Verantwortung, aus der Gesundheitskrise keine Staatskrise werden zu lassen. Und die Kanzlerin muss dafür sorgen, dass ihre Minister, dass die Altmaiers, Spahns und Scheuers besser arbeiten. Der überwiegende Teil der Kritik entzündet sich weniger an Merkels vorsichtiger Grundhaltung, sondern an den handwerklichen Fehlern bei der Umsetzung. Der Druck bleibt trotz Merkels Entschuldigung gewaltig!
Mike.Schier@ovb.net