München – Es dauerte nur wenige Stunden, da haben sich bereits europaweit die Medienberichte überschlagen. Italienische Behörden haben in der Nähe von Rom 29 Millionen Dosen Astrazeneca-Impfstoff gefunden – dabei hängt das britisch-schwedische Unternehmen mit Lieferungen an die EU drastisch hinterher. Von einem Versteck ist die Rede. Die italienische Zeitung „La Stampa“ hatte zuerst darüber berichtet. Sowohl die Regierung in Rom also auch EU-Kreise bestätigten den Fund in der italienischen Abfüllfirma Catalent in Anagni.
EU-Kommissar Thierry Breton hatte die Ermittler auf die Razzia angesetzt. Der Verdacht: Astrazeneca könnte gelogen haben, was Impfstoff-Mengen angeht. Bis Ende März hatte das Unternehmen der EU eigentlich 120 Millionen Dosen zugesagt. Das Versprechen wurde auf 30 Millionen gekürzt. „Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl“, sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis.
Der Fund wirft Fragen auf: Warum liegen Millionen Dosen ungenutzt auf Lager? Gleich nach der Entdeckung kursieren darüber unterschiedliche Theorien: Mehrere Medien, darunter auch „La Stampa“, berichteten, die 29 Millionen Impf-Dosen seien für den Export nach Großbritannien bestimmt – wo die Impfraten bereits viel höher sind als in den EU-Staaten. Hingegen erklärte Italiens Regierung, dass die kontrollierten Dosen nach Belgien geliefert werden sollten.
Der Impfstoff-Hersteller bestreitet aber beide Versionen. „Wir möchten einige ungenaue Aussagen bezüglich der Impfstoffdosen im Werk Agnani klarstellen“, sagt Astrazeneca-Sprecherin Sabine Reinstädler gegenüber unserer Zeitung. Die 29 Millionen Impfdosen würden auf eine „Freigabe durch die Qualitätskontrolle“ warten. „Es ist nicht korrekt, dies als einen Vorrat zu bezeichnen“, sagt Reinstädler. Außerdem seien keine Exporte außer an ärmere Staaten im Rahmen der COVAX-Initiative geplant – 13 Millionen Impfstoffdosen würde man „an Länder mit niedrigem Einkommen“ liefern. Die restlichen 16 Millionen Dosen sollten an EU-Länder verschickt werden – davon zehn Millionen noch in den nächsten Tagen.
Die Skepsis bleibt aber. Manfred Weber, Fraktionschef der EVP im EU-Parlament und CSU-Vize, fordert eine „detaillierte Aufklärung“: Dass der Konzern Vereinbarungen mit der EU bricht und bisher nur einen kleinen Teil der zugesagten Menge an die EU geliefert hat, sei „ein Hohn gegenüber fast 450 Millionen Menschen in der EU“, sagt Weber gegenüber unserer Zeitung. Man verliere das Vertrauen in den Konzern und bekomme den Eindruck, dass „allein das Gewinnmaximieren im Vordergrund steht“. Die EU müsse sofort ein vollständiges Exportverbot für den Astrazeneca-Impfstoff verhängen, sofern er in der EU produziert wurde und „der Konzern seine Verpflichtungen gegenüber der EU nicht erfüllt“ , sagt Weber.
Schon seit einiger Zeit werfen EU-Vertreter Astrazeneca ständige Ausflüchte und undurchsichtige Angaben vor, warum Europa viel weniger bekommt als verabredet. Die Kommission beschloss zwar gestern, dass es generelle Exportverbote nicht geben soll. Der Export der knappen Corona-Impfstoffe aus der EU soll aber nochmals schärfer kontrolliert und notfalls häufiger gestoppt werden. Neue Kriterien sollen es erlauben, Impfstoffe zurückzuhalten, wenn Verhältnismäßigkeit und Gegenseitigkeit nicht gewahrt sind.
Bereits seit dem 1. Februar gelten Exportkontrollen für Impfstoffe. Herstellern, die EU-Verträge nicht erfüllen, kann die Ausfuhr untersagt werden. Bisher ist Astrazeneca das einzige Unternehmen, bei dem diese Maßnahme angewandt wurde: Anfang des Monats stoppte Italien den Export von 250 000 Impfdosen für Australien. mit dpa