„Wechselstimmung“ in Deutschland diagnostiziert ebenso düster wie zutreffend der CSU-Chef – doch von der „klaren Linie“, die er den C-Parteien als Mittel dagegen empfiehlt, ist die Panik-Union so weit entfernt wie die Kuh von der Seiltanz-Meisterschaft: Söder will die Corona-Notbremse ziehen, doch die CDU-Ministerpräsidenten lockern lieber. Einen kardinalen Fehler gibt die Kanzlerin zu – und merkelt trotzdem weiter, als gäbe es kein Führungsversagen auf allen Ebenen. Den Schein von Einigkeit wollen die möglichen Kanzlerkandidaten Söder und Laschet vermitteln – und treten sich täglich vors Schienbein, als wollten sie der Nation beweisen, wer der fieseste Schulhof-Rowdy ist. Dazu noch die immer neuen Raffke-Enthüllungen. Regierende Parteien sind von Wählern schon aus geringerem Grund von der Macht vertrieben worden.
Das Problem ist: Je unerbittlicher Locker-Laschet und Lockdown-Söder ihren Machtkampf austragen, je mehr Verletzungen entstehen, desto schwieriger wird es nach der Kür des gemeinsamen Kanzlerkandidaten, den Wählern die große Unions-Eintracht vorzugaukeln. Und, vielleicht noch wichtiger: die Parteibasis von CDU und CSU dazu zu bringen, für den Kanzlerkandidaten aus der anderen C-Partei fleißig Plakate zu kleben und sich bei Wind und Wetter den Beschimpfungen an den Wahlkampfständen zu stellen. Da hilft auch kein Red Bull: Wie ein lähmendes Gift zersetzt die immer weiter aufgeschobene Führungsentscheidung die Union. Für die Grünen war es noch nie so leicht, sich „im Schlafwagen“ – noch so ein Söder-Aperçu – an die Macht zu schleichen. Nur nicht anecken, niemanden ärgern, den Gegner demobilisieren. Sie sind die folgsamsten Lehrlinge von Angela Merkel.
Georg.Anastasiadis@ovb.net