„Ich rechne mit Entspannung im Sommer“

von Redaktion

INTERVIEW Hendrik Streeck glaubt, dass das Wetter im Kampf gegen das Virus helfen wird

München – Hendrik Streeck ist Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Im Interview blickt er kritisch auf das Vorgehen der Politik im Kampf gegen Corona.

Angesichts des aktuellen Corona-Chaos’ blickt kaum noch ein Bürger durch. Können Sie als Virologe die Verärgerung und Verunsicherung der Menschen verstehen?

Auch mir erschließt sich nur schwer, welche Regeln gelten und welche nicht. Sie wirken zum Teil willkürlich. Es ist nicht nachvollziehbar, dass man Urlaubsreisen nach Mallorca erlaubt und gleichzeitig kontaktarmen Urlaub in Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen verbietet. Und noch eine Grundsatzentscheidung habe ich nicht verstanden: Wenn die Politiker härtere Maßnahmen ergreifen wollen, warum denn dann erst an Ostern und nicht sofort? Vor allem aber vermisse ich weiterhin eine Langzeitstrategie.

Wie müsste die aussehen?

Wenn wir das Infektionsgeschehen eindämmen wollen, brauchen wir zuallererst mehr belastbare Daten. Ich plädiere bereits seit dem Sommer dafür, das Pandemiegeschehen genauer zu erforschen. Wir haben immer noch nicht richtig verstanden, wo die Übertragungen derzeit stattfinden. Es gibt Graubereiche, die nicht beleuchtet werden.

Welche sind das?

Das sind zum einen Büros. Doch an den gesamten Arbeitsbereich wagen wir uns nicht richtig heran. Zum anderen Privatwohnungen. Darin werden bei Treffen oft keine AHA-Regeln oder sonstige Schutzmaßnahmen eingehalten. Außerdem verstehe ich nicht, warum wir die Leute nicht stärker an die frische Luft bringen. Wir sollten es ermöglichen, ja dazu auffordern: Wenn ihr euch treffen wollt, dann draußen, in kontrollierbaren Flächen, und mit Abstand! Die Gefahr, sich draußen anzustecken, ist einfach viel geringer als drinnen.

Angeblich sind aber doch Menschenansammlungen unter freiem Himmel eine Gefahr, in Bayern gab es sogar regional Ausflugsverbote. Sind diese Restriktionen unsinnig?

Hier wird zu oft überspitzt gewarnt, dass es dann sofort große Partys und ähnliche Veranstaltungen geben würde. Das muss aber nicht sein, und darum geht es auch gar nicht. Wenn man die Menschen animiert, nach draußen zu gehen, dann kann man sie ja auch intelligent kanalisieren.

Politiker werfen nur so mit Inzidenzwerten um sich, um härtere Maßnahmen zu rechtfertigen. Haben diese Zahlen denn eine Aussagekraft?

Die Aussagekraft der Inzidenz alleine betrachtet sollte nicht ausschließliche Entscheidungsgrundlage sein. Denn im Grunde handelt es sich eher um eine Melderate als um eine Inzidenz im wissenschaftlichen Sinne. Ich weise bereits seit letztem Sommer darauf hin, dass wir uns das Infektionsgeschehen sehr viel detaillierter anschauen müssen – leider ohne Erfolg. Eine Arbeitsgruppe der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat beispielsweise sehr schön herausgearbeitet, dass wir mit der Einführung der Schnelltests einen sprunghaften Anstieg der Infektionszahlen gesehen haben. Deshalb müsste die Anzahl der Tests in die Gesamtbetrachtung des Infektionsgeschehens einfließen – ebenso wie die Zahl der Krankenhausfälle, also die sogenannte Hospitalisierungsrate, die Belegung der Intensivstationen und der prozentuale Anteil der nachverfolgbaren Kontakte sowie der Impffortschritt in der jeweiligen Region.

Als größter Unsicherheitsfaktor im Kampf gegen Corona gelten derzeit die Mutationen. Sind sie wirklich so gefährlich?

Sie sind in der Tat ein Unsicherheitsfaktor, und wir müssen diese Mutationen ernst nehmen. Sie tragen zu einem erheblichen Anteil zum Anstieg der Infektionszahlen bei. Aber das mutierte Virus ist kein komplett neues Virus, mit dem wir es jetzt überraschend zu tun haben. Wir wissen, dass die Impfstoffe auch gegen die Mutationen wirken.

Die Rolle der Kinder bei der Corona-Ausbreitung wird immer aufgeregter diskutiert. Angeblich sind sie doch ansteckender, als viele Experten behauptet haben. Wie sehen Sie das?

Kinder sind nicht gleich Kinder. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren und das Virus zu übertragen. Wir nehmen an, dass es bis zu einem Alter von zwölf Jahren eine geringere Infektionswahrscheinlichkeit unter Kindern gibt. Aber man muss auch deutlich sagen: Das bedeutet nicht, dass sie sich gar nicht infizieren oder niemanden anstecken.

Ganz Deutschland klammert sich an die Hoffnung, dass die Impfungen endlich Fahrt aufnehmen. Sehen Sie eine Chance, dass aus dieser Hoffnung bald Realität werden könnte?

In Deutschland läuft das Impfen schleppend, das kann man nicht schönreden. Aber so wie es momentan mit Blick auf die zugesagten Lieferdaten aussieht, sollten recht bald sehr viele Impfstoffdosen zur Verfügung stehen – schon im April. Es ist wichtig, dass wir jetzt schnell breite Bevölkerungsschichten impfen.

Halten Sie es für sinnvoll, die Priorisierungsliste der Impfreihenfolge aufzuweichen?

Ja. Zwar sollten wir für Risikogruppen eine Fastlane einrichten, also eine Schnellstraße. Aber darüber hinaus gilt: Jeder, der geimpft ist, trägt dazu bei, das Pandemiegeschehen zu verlangsamen. Wir merken ja jetzt, dass wir mit dem Impfen in dieser starren Form gar nicht mehr hinterherkommen. Wenn auch jüngere Menschen geimpft werden, tragen sie dazu bei, die Infektionszahlen zu drücken. Davon profitieren auch die Risikogruppen.

Bayerns Kultusminister ist der Meinung, „wer in der Nase bohren kann, kann sich auch selbst testen“. Wie bewerten Sie den Nutzen von Schnelltests?

Jeder zusätzliche Test trägt dazu bei, die Infektionswahrscheinlichkeit zu verringern. Das ist erst mal gut. Aber die Selbsttests sind nur ein zusätzlicher Baustein, kein Allheilmittel.

Sehen Sie trotz aller Corona-Hiobsbotschaften auch Licht am Ende des Tunnels?

Ja. Denn der aktuelle Anstieg der Infektionszahlen hat viele Gründe, nicht nur die Mutationen. Er ist auch der gestiegenen Anzahl der Tests geschuldet, einer bestimmten Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung und Nachlässigkeit bei den Schutzmaßnahmen sowie der Nähe zu ausländischen Hotspot-Regionen wie beispielsweise in Tschechien. Dort hat es bereits unvorstellbare Inzidenzen von 1200 auf 100 000 Einwohner. Es war klar, dass das Virus nicht an der bayerischen oder einer anderen Grenze Halt macht. Trotzdem rechne ich mit einer Entspannung im Sommer – vor allem deshalb, weil wir bald mehr impfen werden. Und ich bin auch immer noch davon überzeugt, dass wir einen Wettereffekt haben werden.

Interview: Andreas Beez

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