München – Die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) jeden Morgen verbreitet, sind schon lange keine angenehme Lektüre mehr. Bei 119,1 lag am Freitag die Sieben-Tage-Inzidenz, das ist der nächste satte Anstieg. Am Donnerstag hatte sie rund 113 betragen, am Mittwoch 108. Im Laufe des Monats hat sich der Wert fast verdoppelt. Am 1. März betrug er 66 – und auch da war die Tendenz längst wieder steigend.
Jeden Freitag erscheint Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der Bundespressekonferenz. Die Botschaften, die er und RKI-Chef Lothar Wieler dort aussenden, ähneln sich in der Tendenz seit Monaten, doch im Ton werden die Appelle an Vorsicht und Umsicht immer eindringlicher. Sollten die Zahlen weiterhin so rasant steigen und die Virusvarianten sich ungebremst ausbreiten, drohten bereits im kommenden Monat dramatische Zustände, warnte Spahn nun. Dann laufe man Gefahr, „dass unser Gesundheitssystem im Laufe des Aprils an seine Belastungsgrenze kommt“. Die Zahl der Intensivpatienten nehme bereits deutlich zu.
Es gebe „deutliche Signale“, dass die dritte Corona-Welle „noch schlimmer werden kann als die ersten beiden Wellen“, sagt auch RKI-Chef Wieler. Das Land müsse sich darauf einstellen, dass die Zahl der Infizierten stark steige, dass Kliniken überlastet werden und „viele Menschen auch sterben“. Sollte die Welle nicht bald abgeflacht werden, hält es Wieler sogar für möglich, dass die Zahl der Neuinfektionen auf bis zu 100 000 täglich steigt. Am Freitag waren es exakt 21 573.
Man müsse nun „massiv gegensteuern“, fordert Spahn, sonst würden „die Folgen gravierend sein“. Während ein kleiner Teil der Bevölkerung sich in die Osterferien aufmacht, wirbt der Minister dafür, auf Reisen zu verzichten und Kontakte zu reduzieren. Sollte es trotzdem zu privaten Treffen kommen, so sollten sie „idealerweise nur draußen“ stattfinden.
Der Minister vergleicht die Lage mit den letzten Kilometern eines Marathons. „Wir sind jetzt irgendwo um Kilometer 38“, sagt er. „Ich bin noch nie Marathon gelaufen, aber ich stelle mir vor, dass diese letzten Kilometer die härtesten sind und man nur noch denkt: Ich kann nicht mehr. So geht es dem Land gerade. Aber jetzt aufzuhören hieße, die Kilometer vorher umsonst gerannt zu sein.“
Es gibt aber auch Regionen, die schon jetzt auf Entspannung setzen. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hat angekündigt, in einem Modellversuch nach Ostern Kinos, Theater, Fitnessstudios und die Außengastronomie wieder zu öffnen. Wer dies nutzen will, braucht einen negativen Schnelltest, nicht älter als 24 Stunden. „Es muss uns nach einem Jahr Corona-Pandemie mehr einfallen als nur zu schließen und zu beschränken“, sagte Hans.
Im Saarland lag die Inzidenz am Freitag bei 61,1 – das ist bundesweit der niedrigste Wert. Dennoch regt sich Kritik. Mediziner bemängeln, für eine Modellregion sei ein ganzes Bundesland zu groß. Selbst wenn es so klein ist wie das Saarland. mit dpa