Stockholm/Kopenhagen – Nach Monaten strenger Corona-Einschränkungen ist Dänemark gewillt, schrittweise aus dem Lockdown auszusteigen. Fast alle Parteien haben dem Plan zugestimmt. Das gesamte Volk leide psychisch wie physisch stark unter dem Lockdown, so der Tenor. Gleichwohl ist der Ausstieg mit zahlreichen Vorsichtsmaßnahmen verknüpft. Regelmäßig soll die Wirkung der Öffnungen überprüft werden – und die Zahlen steigen wieder. War die Sieben-Tage-Inzidenz bis 30. März auf 33,1 gesunken, lag sie am Freitag schon wieder bei 93,6.
Das kleine nordische Land mit seinen 5,8 Millionen Einwohnern will bis Mitte Mai alle Dänen über 50 Jahre geimpft haben. Das Land liegt beim Impfen über dem europäischen Durchschnitt. Bis 31. März wurden pro 100 Einwohner 19,6 Dosen verimpft, europaweit waren es 17, in Deutschland 16,4 (Quelle: Our World in Data). Zudem gehört Dänemark weltweit zu den Spitzenreitern beim Testen. Die derzeitige Testkapazität liegt bei 400 000 Tests pro Tag und soll bis Mitte Mai auf 700 000 erhöht werden.
Auch die Dänen starteten mit der ähnlichen Menge Impfstoff pro Kopf wie Deutschland und klagten über Lieferengpässe. Dennoch sind uns die Dänen beim Impfen rund zwei Wochen voraus, wie Reinhard Busse, Professor für Gesundheitswesen an der TU Berlin, im Magazin Spiegel sagte.
Am Erfolg ist vor allem die nationale Gesundheitsbehörde beteiligt, die zentral entscheidet und organisiert – für ganz Dänemark. Die Terminvergabe ist elektronisch geregelt, der Datenschutz wird untergeordnet. Alle Einwohner haben ein digitales Konto mit sämtlichen Patientenakten. So konnten schnell Einladungen zum Impfen verschickt werden – und es lässt sich schnell identifizieren, wer den Impfstoff am schnellsten braucht. Von Kopenhagen aus werden die Impfstoffe täglich in die Regionen gefahren. Eine Eigenregie von Bundesländern kennt man nicht. Das System ist so ausgeklügelt, dass es alte Menschen erkennt, die sich noch nicht haben impfen lassen. Dann gehen Meldungen an die Kommune raus, die freundlich bei den Personen nachfragt (auch alle Telefonnummern sind bekannt). Eine Impfpflicht gibt es auch in Dänemark nicht. Bleibt abends Impfstoff übrig, wird dieser an Menschen vergeben, die eigentlich noch warten müssten. Sie werden angerufen. Das dänische System ist zentral, der Bürger nahezu gläsern. Auch die Krankenhäuser sind alle vernetzt.
Der dänische Plan sieht so aus: Ab 6. April sollen weitere Schulöffnungen folgen, auch bei Bildungseinrichtungen für Erwachsene dürfen bis zu 50 Prozent zurück in die Klassenzimmer. Universitäten sollen zumindest teilweise öffnen, zudem Dienstleister wie Friseure und Tattoo-Studios. Am 13. April dürfen kleinere Geschäfte öffnen, in der dritten Aprilwoche größere und Einkaufszentren. Ebenso einige Kultureinrichtungen – aber nur für Personen mit Corona-Pass. Jeder Geimpfte bekommt einen, digital oder in Papier. Es folgen die Außengastronomie, ab 6. Mai Konzerte, Theater, Kinos und Innen-Gastronomie. Ab 21. Mai soll quasi alles offen sein.
Freilich steht alles unter Vorbehalt. Voraussetzung sei eine niedrige Infektionsrate, heißt es seitens der Regierung. Mancher Virologe hält den Plan für zu ambitioniert. „Nun haben wir schon ein Jahr gewartet (…) und es wäre besser gewesen, die Öffnungen noch zu verschieben“, warnt etwa Allan Randrup Thomson, Virologe der Universität Kopenhagen.