Der riskante Weg der Impfstoffe

von Redaktion

Neben der Beschaffung ist die Logistik eine große Herausforderung, auch aus Sicherheitsgründen

München – Bayern ist ein geheimnisvolles Land und seit es die Impfstofftransporte gibt, ist es noch eine Spur geheimnisvoller. Täglich rollen sie durch den Freistaat, hinten im Laderaum der so knappe wie kostbare Stoff, auf dem die Hoffnung des Landes ruht. Wo genau die Transporter herkommen, welche Route sie nehmen, wissen nur die, die es wissen müssen. Zum Schutz der Fracht soll alles so diskret wie möglich ablaufen.

Über den Corona-Impfstoff wird ja seit Langem in allen Facetten diskutiert: Wann er in ausreichender Menge zur Verfügung steht, wie sicher er ist, wer wann welches Präparat bekommt. Dabei bleibt eines außer Acht: Wie der Impfstoff eigentlich zu uns gelangt. Die Antwort ist nicht unspannend. Denn auf dem Weg vom Hersteller in die Impfzentren läuft eine genau durchdachte Sicherheitsmaschinerie an.

Die Arztpraxen haben es vergleichsweise leicht: Seit sie in die Impfkampagne eingebunden sind, werden sie über die gut erprobten Strukturen von Großhandel und Apotheken beliefert. Bei den rund 100 bayerischen Impfzentren, die seit Jahresbeginn in Betrieb sind, ist die Sache etwas anders. Dreh- und Angelpunkt für sie sind die Zentrallager im Freistaat, die ihrerseits direkt von den Herstellern oder vom Bund (konkret: der Bundeswehr) beliefert werden. Ihr Standort ist geheim.

Für den Weitertransport in die Impfzentren hat der Freistaat den Pharmalogistiker „Transoflex“ beauftragt, der über viel Erfahrung verfügt. Allein von August bis Oktober 2020 hat das Unternehmen bundesweit zum Beispiel 15 Millionen Dosen Grippeimpfstoff verteilt. Wer bei der Firma aus Weinheim bei Heidelberg wegen des neuen Auftrags nachfragt, bekommt nette, aber recht unkonkrete Antworten. In vielen Details ist sie zum Schweigen verpflichtet. Wie viele Touren täglich gefahren werden, auf welchen Routen, wie lange ein Transporter unterwegs ist – all das ist Geheimsache.

Kein Wunder, die Ladung eines Transporters ist mitunter wertvoll. Auch hier gilt: Zahlen werden nicht genannt, niemand möchte Kriminelle auf die richtige Spur bringen. Die Weinheimer mussten jedenfalls eine eigene Sicherheitsarchitektur aus dem Boden stampfen. Teil davon ist ein siebenköpfiges Team, das sich täglich mit dem Gesundheitsministerium in München über neue Lieferungen austauscht. „Es gibt genaue Vorgaben, wo wir welche Impfstoffe abholen, zustellen und gegebenenfalls zwischenlagern und kommissionieren“, sagt CEO Wolfgang Albeck. Alles hoch diskret. Zusätzlich werden die eingesetzten Fahrzeuge permanent überwacht, es gibt Zugangskontrollen und Videoaufzeichnung.

Auch die Polizei ist in die Transporte eingebunden – bisweilen sogar ganz aktiv. Sie klopft jede Route auf potenzielle Gefahren ab und entscheidet dann, ob ein Transport von Beamten eskortiert wird. Wie oft das passiert, ist laut Innenministerium nicht dokumentiert. Größere Zwischenfälle soll es bislang nicht gegeben haben.

Inzwischen hat sich die Transportsituation so verändert, dass sich – salopp gesagt – ein Überfall kaum mehr lohnen würde. Während Anfang des Jahres wenige Transporter mit dem knappen Gut unterwegs waren, sind es inzwischen viele, die dafür aber oft kleinere Mengen transportieren. Ein Sprecher des Innenministeriums formuliert es so: „Die Störung eines einzelnen Transports hätte in vielen Fällen vergleichsweise keine so großen Auswirkungen mehr.“ MARCUS MÄCKLER

Artikel 7 von 11