Corona-Kollaps in Griechenland

von Redaktion

VON FERRY BATZOGLOU

Athen – Plötzlich war der 76-Jährige tot. Er hatte keine Chance. Was am Mittwochabend im Athener Krankenhaus „Rotes Kreuz“ passiert war: Ein 60 Jahre alter Corona-Patient, der im gleichen Pflegezimmer wie der 76-Jährige lag, hatte den Stecker des Beatmungsgerätes seines Zimmernachbarn gezogen. Ihn habe der Lärm des Beatmungsgeräts gestört, so der Täter später zur Polizei.

Täter und Opfer hatten Corona. Aber nur der 76-Jährige brauchte eine künstliche Beatmung. Er lag in einem einfachen Pflegezimmer, weil es keine freien Intensivbetten in dem Krankenhaus mehr gibt. Das wurde ihm zum Verhängnis. Sein Zimmernachbar konnte unbehelligt handeln, weil es in dem Pflegezimmer keine Betreuung rund um die Uhr gibt.

Der unglaubliche Fall wirft ein Schlaglicht auf die verheerenden Zustände im griechischen Gesundheitssystem. Allein im Großraum Athen lagen am Mittwoch 82 Covid-19-Patienten mit künstlicher Beatmung außerhalb der voll belegten Intensivstationen – davon 37 Patienten schon mehr als drei Tage. Und die Wartelisten auf ein Intensivbett werden länger.

Die dritte Welle trifft Griechenland mit voller Wucht. Nach dem Beinahe-Staatsbankrott im Frühjahr 2010 wurde das griechische Gesundheitssystem kaputtgespart, jetzt stößt es an seine Grenzen. Die 7-Tage-Inzidenz lag am Dienstag bei 206,5. Höchststand. Seit Anfang 2021 hat Hellas 3842 Corona-Tote zu beklagen. Insgesamt zählt Griechenland mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern 8680 Corona-Tote.

Schon seit Wochen ist der Großraum Athen der hellenische Corona-Hotspot. Aber auch im nordgriechischen Thessaloniki, in der westgriechischen Hafenstadt Patras und auf der Insel Kreta steigt die Zahl der Neuinfektionen. Besonders bedenklich ist die hohe Sterblichkeitsrate von 3,01 Prozent. Sie liegt deutlich höher als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Experten führen die hohe Sterblichkeit auch auf den Corona-Notstand in den griechischen Krankenhäusern zurück.

Die griechische Regierung unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis übt sich derweil in Durchhalteparolen. Man müsse noch „die letzte Meile“ auf dem langen Weg aus der Corona-Pandemie laufen, so das Motto der Regierung in Athen. Der Haken dabei: Obgleich Griechenland landesweit schon seit dem 7. November in einem Lockdown inklusive geschlossener Gastronomie und nächtlicher Ausgangssperre verharrt, steigen die Corona-Fallzahlen seit Ende Januar unaufhaltsam.

Dennoch sah sich die Regierung Mitsotakis dazu gezwungen, den Lockdown zuletzt zu lockern. Seit dem 5. April ist der Einzelhandel wieder geöffnet. Denn viele Geschäfte kämpfen ums Überleben. Ab Montag sind auch die Lyzeen in ganz Hellas, also die letzten drei Klassen der Sekundarstufe, wieder offen. Lehrer und Schüler haben sich regelmäßigen Selbsttests zu unterziehen.

Athen hält bisher noch am Urlaubsstart fest

Der Höhepunkt der dritten Corona-Welle in Griechenland ist dabei noch gar nicht erreicht, wie Epidemiologen in Athen warnen. Schon stellen Mahner die Frage, ob der von der Regierung anvisierte Termin für die Öffnung des Tourismus am 14. Mai überhaupt noch einzuhalten ist. Zuletzt musste auch die kleine Insel Astypalea in die Liste der „tiefroten“ Regionen mit einem harten Lockdown aufgenommen werden. Lange hatte es geheißen, die Insel mit ihren 1300 Einwohnern sei coronafrei. Dann aber kamen über 30 positive Tests ans Licht. Die schöne Geschichte vom coronafreien Urlaubsort entpuppte sich als Seifenblase.

Der Athener Tourismusminister Charis Theocharis hält trotz der Rekordzahlen in Sachen Corona unbeirrt am 14. Mai als Tourismus-Start in Hellas fest. Griechenland sei ein sicheres Urlaubsland, rührt Theocharis im Ausland unentwegt die Werbetrommel für die heiß ersehnten Griechenland-Urlauber.

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