WIE ICH ES SEHE

Impfweisheit aus dem alten Orient

von Redaktion

Vor 300 Jahren sah Europa die Türkei, das „Osmanische Reich“, als vollkommen rückständig an. Die muslimische Lebensweise, dazu in einer Gesellschaft, die sowohl Sklaverei wie den Harem kannte, wurde nicht verstanden. Die Briefe aus dem Orient der englischen Lady Mary Montagu aber ergeben ein ganz anderes Bild. Die Gattin des britischen Gesandten „Bei der Hohen Pforte“ lebte von 1716 – 1718 im damaligen Konstantinopel. Sie hatte Zugang zu den höchsten Kreisen der osmanischen Gesellschaft gefunden und sich bis in die Sprache auf diese fremdgeartete Welt eingelassen. Unvoreingenommen und ohne Vorurteile schildert sie in ihren Briefen die orientalische Zivilisation, die Menschen und ihren Anstand, ihre Sitten und Einrichtungen. Im Vergleich zu ihrem britischen Vaterland der damaligen Zeit erscheint ihr diese Welt in manchem sogar überlegen.

Das gilt besonders für die Kultur der türkischen Bäder und überhaupt für das Gesundheitswesen. In einem Brief vom 1. April 1717 schwärmt sie davon, wie die türkische Gesellschaft sich vor den in Europa so gefürchteten und weitverbreiteten Pocken durch Impfung schützt. Diese „Pfropfungen“, wie sie es nennt, geschehen nicht – wie heute bei uns – von Staats wegen, sondern aus Privatinitiative. Dazu bilden Familien kleine Gruppen von vielleicht 15 Heranwachsenden. Dann kommt eine alte Frau mit einer Nussschale voller Blatternmaterie, die sie mit einer großen Nadel in eine Ader am Arm oder auf der Brust einritzt. Die Patienten bleiben vollkommen gesund bis zum achten Tag. „Alsdann überfällt sie ein Fieber und sie hüten zwei, selten drei Tage das Bett. Nach acht Tagen sind sie ebenso gesund wie vorher… . Man hat kein Beispiel, dass jemand daran gestorben wäre.“

Lady Mary ist von der Fortschrittlichkeit dieser doch recht gefährlichen Impfmethode so überzeugt, dass sie nach ihrer Rückkehr versucht, die türkische Art der Pockenimpfung auch in England einzuführen.

Es gelingt ihr sogar, zwei englische Ärzte dafür zu gewinnen. Es erscheint dazu eine Werbebroschüre, die 1720 sieben Auflagen erlebte. Weil auch der Hof Interesse bekundete, mussten sich zur Probe sieben Verurteilte und sechs Waisenkinder (!) impfen lassen. Das hatte so viel Erfolg, dass schließlich sogar zwei Mitglieder der königlichen Familie geimpft wurden. So setzte sich diese Art des Impfens in gewissen Kreisen in England durch. Lady Mary wurde gefeiert, aber nur eine kurze Zeit. Denn es entwickelte sich Widerstand in der breiteren Ärzteschaft. Diese Impfungen hatten doch Risiken. Es gab sogar Todesfälle. Dazu kam die Verdammung der türkischen Impfmethode durch die hohe Geistlichkeit. Sie protestierte gegen den „heidnischen Brauch“, der in die Pläne der göttlichen Vorsehung eingreife.

So verlief die Sache im Sande. Erst am Ende des Jahrhunderts kam der Durchbruch der Impfung durch Verwendung der ungefährlichen Kuhpocken. Die Briefe der charmanten, literarisch gebildeten Lady Mary voller Scharfsinn und unkonventioneller Urteile sind lesenswert bis auf den heutigen Tag.

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VON DIRK IPPEN

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