Berlin/München – Es ist ein schachteliger Satz mit einem „Wenn“, aber er fährt wie ein Knall durch die Republik. „Wenn die CDU bereit wäre, mich zu unterstützen, würde ich mich dieser Aufgabe stellen“, sagt Markus Söder an diesem Sonntagnachmittag gegen 14.20 Uhr. Und es folgt ein entscheidender Passus: Er habe sich „mit dem Armin“ am Samstag lange ausgetauscht. „Wir haben beide erklärt, wir sind bereit.“
Rumms: Söder verkündet seine Bereitschaft zur Kanzlerkandidatur, und nebenbei erklärt er auch die von Laschet. Man weiß nicht, ob das so abgesprochen war, und sollte in diesen Tagen nicht an das Gute im Menschen glauben. Im Ergebnis stehen sich aber nun die beiden Parteichefs mit offenem Visier gegenüber. Beide trauen sich die Kanzlerschaft zu. Beide wollen nach Berlin. Aber beide wissen, dass sie ohne die Unterstützung der Schwesterpartei untergehen werden.
Eine interne Sitzung der wichtigsten Unions-Abgeordneten in Berlin hat sich Söder am Sonntag als Bühne für seinen Auftritt gewählt. Man sah das kommen seit ein paar Tagen. In beiden Parteien häuften sich Hinweise an die Chefs, bald Farbe zu bekennen, keine Hängepartie zu riskieren. In der CSU wird intern geraunt, offene Personalfragen verschärften noch die schlechte Stimmung an der Basis wegen der Corona-Politik. Und in der CDU stellen sogar gestandene Ministerpräsidenten – Volker Bouffier aus Hessen, Michael Kretschmer aus Sachsen – offen Ultimaten, die Sache diese Woche endlich abzuräumen.
Zudem wächst die Gereiztheit zwischen Söder und Laschet. In NRW beschwert man sich gern und oft über Seitenhiebe aus München. Laschet selbst sagte aber der „Bild am Sonntag“ einen hundsgemeinen Satz: „Bei mir werden Sie keine Sticheleien, Schmutzeleien oder Ähnliches feststellen. Das ist nicht mein Stil.“ Zur Erinnerung: Den Begriff der „Schmutzeleien“ erfand 2012 Horst Seehofer, um Söder zu diskreditieren – es klebte jahrelang wie Pech am Franken.
Nein, das ist kein Zufall. In der Union halten viele die Luft an am Sonntagnachmittag. Offiziell geloben Laschet wie Söder Respekt untereinander. „Wir sind uns der Verantwortung bewusst. Wir werden die Frage gut, miteinander auch in persönlicher Wertschätzung, die es gegenseitig gibt, beantworten“, sagt Laschet vor den Abgeordneten. Und Söder betont, falls ihn die CDU nicht wolle, „werden wir ohne Groll weiter gut zusammenarbeiten“. Doch stimmt das?
In Windeseile sortieren sich die Truppen, die Kandidaten trommeln ihre Leute herbei. Heute Vormittag schaltet sich das CDU-Präsidium zusammen, wo Laschet eine klare Mehrheit hätte – da ist ein Solidaritätsbeschluss einfach zu kriegen. Söder holt für den frühen Abend ebenfalls sein Parteipräsidium zusammen, ihm treu ergeben. Am morgigen Dienstag steht dann eine Sitzung der Unions-Abgeordneten an, von denen sich etliche mit Söder höhere Wahlchancen ausrechnen.
Auch diese Sitzung ist spannend, denn noch ist ja unklar, wo ein Beschluss fällt. Da fällt auf, dass Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der alte CDU-Fuchs, die Entscheidung von den Abgeordneten eher fernhalten möchte. Während sich eilig CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt meldet: „Die Fraktion hat ein natürliches Mitspracherecht bei der Entscheidung, weil ihre Mitglieder auch einen erheblichen Teil des Wahlkampfs zu schultern haben.“ Auch Söder erwähnt, das „zuständige Gremium“ sei die Fraktion.
Oder hat es mehr zu bedeuten, was die Kanzlerin an diesem Sonntag macht? Merkel ist ebenfalls zu Gast bei der Runde mit Laschet und Söder. Sie verlässt den Raum zwar vor der Verkündung des Bayern. Vorher lobt sie aber plötzlich ausdrücklich Laschets „Brückenlockdown“-Vorschlag und kritisiert Abweichungen anderer Länder – offenbar sollte sich da Söder angesprochen fühlen.
Zwischentöne sind das, viele. Noch deutet wenig auf freiwilligen Verzicht hin. „So viel Einigkeit wie möglich“, verspricht Laschet später vor Journalisten, mit den Armen rudernd. „Eine spannende Situation“ für die Union und eine „ernste Lage“ beschreibt Söder. Und hat noch den Rat an die CDU, man dürfe „die Entscheidung nicht auf Biegen und Brechen fällen“.