München/Berlin – Wie kürt man einen Kanzlerkandidaten? Die Union tut sich sichtlich schwer, ihren Frontmann – Armin Laschet oder Markus Söder – auf den Schild zu heben. Das war auch in der Vergangenheit schon so. Ein kurzer Rückblick.
Nach Jahrzehnten, in denen die CDU innerhalb des Bündnisses der Unions-Schwestern beinahe automatisch den Mann fürs Kanzleramt stellte, forderte 1979 zum ersten Mal der CSU-Chef den Kandidatenposten für sich. Franz Josef Strauß, nach Jahrzehnten auf der Bonner Bühne mittlerweile bayerischer Ministerpräsident, wagte den Griff nach der Kanzlerschaft. Doch wer sollte entscheiden? Helmut Kohl, CDU-Vorsitzender und Oppositionsführer im Bundestag, hatte die Wahl 1976 gegen SPD-Kanzler Helmut Schmidt nur hauchdünn verloren. Er trat selbst bei der Wahl 1980 als Spitzenmann nicht an, wollte das Feld dem Bayern aber nicht kampflos überlassen.
Kohl und Strauß verband nicht nur eine persönliche Rivalität, sie vertraten auch unterschiedliche Strategien: Während der Pfälzer hoffte, den FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher im damaligen Drei-Parteien-Parlament mittelfristig zum Koalitionswechsel hin zur Union zu bewegen, drohte Strauß damit, die CSU als vierte Partei bundesweit zu etablieren, um das strategische Manko gegen das sozialliberale Bündnis auszugleichen. Kohl war dagegen. Stattdessen präsentierte er mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht einen jungen, konservativ-liberalen Gegenkandidaten für den Bayern. Die Bundestagsfraktion von CDU und CSU sollte über den gemeinsamen Kanzlerkandidaten entscheiden.
Das letztendlich erfolgreiche Kalkül der Bayern: Viele CDU-Abgeordnete fürchteten bei einem bundesweiten Auftritt der CSU um ihre Mandate. Da schien ein gemeinsamer Kanzlerkandidat Strauß als das kleinere Übel. 1979 setzte sich Strauß schließlich in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit 135:102 Stimmen gegen Ernst Albrecht durch. Die Bundestagswahl verlor der Bayer aber gegen den Hanseaten Schmidt. Mit ein Grund: Die Wahlkampfunterstützung der CDU für Strauß war bestenfalls pflichtgemäß – mehr nicht.
Das zweite Mal, dass ein CSU-Chef gegen die CDU nach der Kanzlerkandidatur griff, war in der Kanzlerschaft Gerhard Schröders. Es ist der 11. Januar 2002. CDU-Chefin Angela Merkel hat sich zum Frühstück bei Edmund Stoiber in Wolfratshausen angesagt. Dessen Ehefrau serviert Semmeln, Kaffee, Marmelade und Käse – die Frau aus der Uckermark dem Gastgeber die Kanzlerkandidatur.
Auch hier gingen die Gründe über das rein personelle hinaus. Die CDU war nach der Bundestagsniederlage 1998 und der Spendenaffäre Kohls schwer geschwächt. Der jungen Generalsekretärin Merkel war es zwar gelungen, den CDU-Vorsitz nach dem Rücktritt Wolfgang Schäubles zu erobern, doch ihre Macht war geteilt. Im Bundestag verkörperte Friedrich Merz als Fraktionsführer das zweite Zentrum der CDU.
Merkel erklärte zwar im Januar 2002 ihre Bereitschaft zur Kandidatur, doch selbst den CDU-Vorstand konnte sie nicht vollständig auf ihre Seite ziehen. Dem damals in der Gesamtunion sehr populären Stoiber konnte sie nicht wirklich das Wasser reichen – und gab ihm deshalb den Vorzug. Stoiber gewann bei der Bundestagswahl zwar 3,4 Prozentpunkte für die Union hinzu, doch für die Kanzlerschaft reichte es ganz knapp nicht. ALEXANDER WEBER